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Ars Amandi – Die Kunst der Liebe


Ein erotisches Vermächtnis aus dem alten Rom


Mit „Ars Amandi – Die Kunst der Liebe" bringt Wicked Vision als Nummer 10 der Reihe Ordinary Dreams ein Werk auf Blu-ray, das im Schaffen des polnischen Regisseurs Walerian Borowczyk eine besondere Stellung einnimmt. Der 1983 als französisch-italienische Koproduktion entstandene Film versetzt das Publikum in das Rom des Jahres 8 nach Christus, wo der Dichter Ovid als stiller Beobachter und Kommentator eines Geflechts aus Begehren, Eifersucht und gesellschaftlichen Zwängen fungiert. Borowczyk, der zeitlebens zwischen den Etiketten des künstlerischen Provokateurs und des respektierten Auteurs schwankte, inszeniert hier keine bloße Kostümerotik, sondern ein visuell opulentes Sittengemälde, das die Antike als Bühne für zeitlose Fragen nach Macht, Verlangen und Selbstbestimmung nutzt. Die Kamera – Borowczyk führte sie gemeinsam mit Noël Véry selbst – verweilt dabei immer wieder auf Details: auf Stoffen, Statuen, dem Spiel des Lichts auf Haut und Marmor, wodurch das antike Rom weniger als historische Rekonstruktion denn als sinnliches Kunstobjekt erscheint.


Die Handlung: Liebe als Schlachtfeld


Im Zentrum der Geschichte steht das Dreiecksverhältnis zwischen dem siegreichen Tribun Macarius, seiner Frau Claudia und deren jungem Liebhaber Cornelius, das Borowczyk parallel zum Schicksal der schwarzen Sklavin Sepora entfaltet. Ovid, der als eine Art Erzählerfigur und moralisches Gewissen des Films fungiert, vermittelt dabei seine zentrale Botschaft: Auf dem „Schlachtfeld der Liebe" entscheidet nicht rohe Kraft oder militärischer Rang über Sieg oder Niederlage, sondern Einfühlungsvermögen, Verführungskunst und die Bereitschaft, sich dem Verlangen hinzugeben. Diese Haltung, so unverblümt sie im Film ausgestellt wird, kostete den historischen Ovid bekanntlich die Gunst des Kaisers Augustus, der ihn im Jahr 8 nach Christus wegen genau dieser als sittenwidrig empfundenen Lehren in die Verbannung schickte – ein historischer Fußnote, die Borowczyks Film eine zusätzliche, fast subversive Ebene verleiht.


Regisseur Walerian Borowczyk


Walerian Borowczyk zählt zu den eigenwilligsten Regisseuren des europäischen Kinos der siebziger und achtziger Jahre. Ursprünglich als Grafiker und Animationskünstler in Polen ausgebildet, wechselte er nach seiner Übersiedlung nach Frankreich zum Spielfilm und entwickelte einen unverwechselbaren, von surrealistischer Bildsprache geprägten Stil, der ihn zugleich als respektierten Künstler und als Skandalregisseur bekannt machte. „Ars Amandi" markiert dabei einen späten Höhepunkt seiner Zusammenarbeit mit Marina Pierro, die über rund ein Jahrzehnt hinweg seine künstlerische Muse war und in fünf seiner Filme die weibliche Hauptrolle übernahm, darunter „Interno di un Convento" und „Die seltsame Geschichte des Dr. Jekyll und der Miss Osbourne". Borowczyks Werk bewegt sich durchgehend in jenem Spannungsfeld zwischen hoher künstlerischer Ambition und expliziter Freizügigkeit, das auch „Ars Amandi" bis heute polarisierend macht.


Die Darstellerinnen und Darsteller


Marina Pierro gibt der Claudia jene rätselhafte, fast überirdische Ausstrahlung, die sie in Borowczyks Werk so unverwechselbar machte. Die Italienerin, die dem deutschen Publikum unter anderem aus „Lady Dracula" bekannt ist, verkörpert die Rolle mit einer Mischung aus Zurückhaltung und schwelender Sinnlichkeit, die den Film über weite Strecken trägt. An ihrer Seite steht Michele Placido als Tribun Macarius, der wenige Jahre später mit der Kultserie „Allein gegen die Mafia" zum internationalen Fernsehstar avancieren sollte und hier bereits jene charismatische Präsenz zeigt, die seine spätere Karriere prägen würde. Massimo Girotti, ein Schauspieler mit jahrzehntelanger Erfahrung im italienischen Kino und unter anderem durch Mario Bavas Horrorklassiker „Baron Blood" bekannt, verleiht dem Ovid die nötige Würde und Altersweisheit, um dessen philosophische Reflexionen über die Liebe glaubhaft zu vermitteln. Laura Betti, eine der markantesten Charakterdarstellerinnen des italienischen Autorenkinos jener Zeit, rundet das Ensemble ebenso ab wie der junge Philippe Taccini in der Rolle des schönen Cornelius, dessen Auftreten den Zuschauer schnell nachvollziehen lässt, warum ausgerechnet er zum Objekt der Begierde Claudias wird.


Bild, Ton und technische Präsentation


Die vorliegende Blu-ray präsentiert „Ars Amandi" als weltweite Blu-ray-Premiere im Bildformat 1,66:1 und in restaurierter, vollständig unzensierter Fassung mit einer Laufzeit von rund 98 Minuten. Die Bildqualität weiß dabei zu überzeugen: Borowczyks sorgfältig ausgeleuchtete Kompositionen, die Texturen der Kostüme und die warmen Farbtöne der römischen Kulissen kommen deutlich plastischer zur Geltung, als man es von älteren Fassungen des Films gewohnt war. Tontechnisch liegt der Film in einer DTS-HD-Master-Audio-2.0-Abmischung vor, die sowohl die italienische Originalfassung als auch die deutsche Synchronisation sauber und ohne störende Artefakte wiedergibt und damit dem musikalisch von Luis Bacalov getragenen Klangbild gerecht wird.


Ausstattung und Bonusmaterial


Wicked Vision spendiert der Veröffentlichung ein Wendecover, dessen alternative Gestaltung von der Künstlerin Jole Stamenkovic stammt und der Ausgabe damit einen zusätzlichen Sammlerreiz verleiht. Beigelegt ist zudem ein 24-seitiges Booklet, in dem sich die Autorin Lioba Schlösser in einem ausführlichen Essay dem Film, seinem historischen Hintergrund und Borowczyks künstlerischem Schaffen widmet – eine willkommene Einordnungshilfe für ein Werk, das ohne Kontext leicht auf seine expliziten Momente reduziert werden könnte. Abgerundet wird das Bonusmaterial durch den Original-Trailer sowie eine Bildergalerie, die weiteres Werbe- und Szenenmaterial versammelt. Die Scheibe selbst liegt in einer stabilen Scanavo-BD-Box, die dem gehobenen Anspruch der Ordinary-Dreams-Reihe gerecht wird und sich nahtlos in die bisherigen Veröffentlichungen der Kollektion einfügt.


Fazit


„Ars Amandi – Die Kunst der Liebe" ist ein Film, der sich der einfachen Einordnung verweigert: zu explizit für das klassische Arthouse-Publikum, zu künstlerisch ambitioniert für ein reines Erotikpublikum. Genau in dieser Zwischenstellung liegt jedoch sein Reiz, und Wicked Vision begegnet dem Werk mit der gebotenen Sorgfalt – von der makellosen Bildrestaurierung über das informative Booklet bis hin zur hochwertigen Verpackung. Für Sammler und Cineasten, die sich für Borowczyks eigenwilliges Spätwerk und die einzigartige künstlerische Partnerschaft mit Marina Pierro interessieren, ist diese Blu-ray-Premiere ein echtes Ereignis.