Star Wars: Die Zuflucht – Ein Bad-Batch-Roman
Rückkehr auf eine vertraute, aber fragile Welt
Mit „Die Zuflucht" widmet sich Blanvalet erneut einer der beliebtesten Randgruppen des „Star Wars"-Universums: der Schadenscharge, besser bekannt unter ihrem englischen Namen The Bad Batch. Seit ihrem ersten Auftritt in „The Clone Wars" und spätestens seit ihrer eigenen Animationsserie haben sich Hunter, Wrecker, Tech, Echo und die von ihnen adoptierte Klontochter Omega einen festen Platz im Herzen des Fandoms erobert. Anders als die meisten ihrer Brüder reagierten sie nicht auf die berüchtigte Order 66 und wurden dadurch zu Gejagten des von ihnen einst gedienten Imperiums. Der Roman siedelt sich thematisch nach der Episode „Pabu" der zweiten Staffel an, ohne sich zeitlich völlig festzunageln – eine kluge Entscheidung des Autors, die es sowohl serienerfahrenen als auch neuen Lesern erlaubt, ohne größere Verluste einzusteigen. Die Söldnertruppe hat sich mittlerweile auf dem Ozeanplaneten Pabu niedergelassen und schlägt sich mit Gelegenheitsaufträgen durch, um sich dort eine dauerhafte Existenz aufzubauen. Genau an diesem Punkt setzt die Handlung ein: Es mangelt an den nötigen Mitteln, um die neue Heimat wirklich abzusichern, und diese Notlage macht die Gruppe empfänglich für ein verlockendes, aber gefährliches Angebot.
Die Handlung: Ein Auftrag, der aus dem Ruder läuft
Die Glücksritterin Phee Genoa, eine charismatische wie unberechenbare Figur mit eigenen Verbindungen in die zwielichtigen Ecken der Galaxis, bringt frischen Wind – und ein hochriskantes Geschäft – in das Leben der Klone. Ihr Plan klingt zunächst simpel: der Diebstahl eines mysteriösen Artefakts, dessen wahre Bedeutung erst nach und nach zutage tritt. Doch was als überschaubarer Coup beginnt, gerät bereits in den ersten Momenten der Ausführung aus den Fugen. Lamar Giles nutzt diesen Bruch geschickt, um seine Erzählung in eine deutlich existenziellere Richtung zu lenken: Hunter, Wrecker, Tech und Omega sehen sich gezwungen, sich auf das zu besinnen, was sie durch unzählige Einsätze zusammengeschweißt hat – bedingungsloses gegenseitiges Vertrauen. Die eigentliche Spannung des Buches entsteht jedoch aus einer zweiten, subtileren Frage: Lässt sich dieses Vertrauen auch auf eine Außenstehende wie Phee ausdehnen, deren Motive nie ganz frei von Eigennutz erscheinen? Im Hintergrund der Geschichte lauert zudem das Imperiale Sicherheitsbüro, das die Aktivitäten der Schadenscharge längst registriert hat und ihr Treiben aufmerksam verfolgt – ein Umstand, der der Handlung eine zusätzliche, bedrohliche Grundspannung verleiht, da die Klone offiziell auf Fahndungslisten stehen.
Charakterzeichnung und Erzählstil
Giles gelingt es bemerkenswert gut, die etablierten Dynamiken der Serie in Prosa zu übertragen, ohne dass die Figuren dabei ihre vertraute Stimme verlieren. Wrecker bleibt der impulsive Kraftprotz mit dem großen Herzen, Tech der nüchterne Analytiker, dessen technisches Fachwissen ebenso Rettung wie Stolperstein sein kann, und Omega wächst in ihrer Rolle als jüngstes und zugleich unerschrockenstes Mitglied der Truppe spürbar über sich hinaus. Besonders gelungen ist die Einführung von Phee Genoa als Katalysator: Sie fungiert nicht nur als Auslöser der Handlung, sondern spiegelt in ihrer Zwielichtigkeit und ihrem Pragmatismus die moralischen Grauzonen wider, in denen sich die Schadenscharge nach dem Fall der Republik zwangsläufig bewegen muss. Der Autor webt zudem geschickt Verweise auf weitere Institutionen der neuen Ära ein, etwa durch die Erwähnung eines bestimmten Geheimprojekts des Imperators, das aufmerksamen Fans ein Schmunzeln entlocken dürfte, ohne dass diese Fäden die Haupthandlung überfrachten. Wichtige Hintergrundinformationen werden organisch in die Erzählung integriert, sodass „Die Zuflucht" auch ohne umfassendes Vorwissen zur Serie funktioniert – im Zentrum stehen letztlich das Abenteuer selbst und die warmherzige, oft humorvolle Interaktion der Klone untereinander.
Einordnung in den Kanon und Zielgruppe
Wer die Animationsserie kennt und liebt, wird sich in „Die Zuflucht" sofort heimisch fühlen. Der Roman versteht sich explizit als Fortführung der auf Pabu begonnenen Geschichte und dürfte besonders für jene Leserschaft interessant sein, die nach dem Ende der Serie noch nicht genug von der Schadenscharge bekommen konnte. Lamar Giles selbst ist im „Star Wars"-Segment kein Unbekannter mehr; er hat sich zuvor bereits in anderen Bereichen der Popkultur einen Namen als Autor gemacht, der Genre-Stoffe mit einem Gespür für Charakterentwicklung verbindet – eine Stärke, die auch diesem Roman deutlich anzumerken ist.
Ausstattung
Die deutsche Ausgabe erscheint bei Blanvalet als Paperback mit 416 Seiten und wurde von Andreas Kasprzak übersetzt, der bereits mit mehreren „Star Wars"-Titeln Erfahrung gesammelt hat. Die Übertragung liest sich flüssig und bewahrt den saloppen, warmherzigen Umgangston der Figuren untereinander, ohne die für das Franchise typische Terminologie zu verwässern. Zum Preis von 13,00 Euro reiht sich der Band ordentlich verarbeitet in die aktuelle Riege der deutschsprachigen „Star Wars"-Romane ein.
Fazit
„Die Zuflucht" ist ein unterhaltsamer, temporeicher Ausflug in eine der emotional zugänglichsten Ecken des „Star Wars"-Universums. Lamar Giles gelingt der Spagat zwischen actionreichem Heist-Abenteuer und leiser Charakterstudie über Vertrauen, Zugehörigkeit und die Frage, wer in einer von Verrat geprägten Galaxis überhaupt noch als verlässlich gelten kann. Wer die Schadenscharge mag, bekommt hier genau das gebotene Vergnügen aus Herz, Chaos und Kameradschaft, das die Figuren schon in der Serie ausgezeichnet hat.