Sarah Kohr: Im Schatten / Großer Bruder (DVD, One Gate Media)
Mit dieser Veröffentlichung bringt One Gate Media zwei der jüngsten Fälle der Hamburger LKA-Kommissarin Sarah Kohr auf die Silberscheibe. Die 2014 gestartete ZDF-Reihe hat sich über inzwischen mehr als ein Dutzend Folgen zu einer festen Größe im deutschen Krimifernsehen entwickelt, was nicht zuletzt an Lisa Maria Potthoff liegt, die der Titelfigur eine seltene Mischung aus physischer Härte und emotionaler Verletzlichkeit verleiht. Beide hier versammelten Episoden entstanden nach Drehbüchern von Timo Berndt, der die Reihe seit Jahren maßgeblich prägt, und bringen erneut jenen erhöhten Actionanteil mit, durch den sich „Sarah Kohr" von der Konkurrenz der zahlreichen deutschen Krimireihen mit weiblicher Hauptfigur abhebt.
Im Schatten – Ein Amoklauf und seine Hintergründe
Regie bei „Im Schatten" führte Christian Theede, der mit Reihen wie „Nachtschicht" und dem „Usedom-Krimi" Erfahrung im deutschen Fernsehkrimi mitbringt und das für den Arbeitstitel „Amok" gedrehte Material zu sechs furios inszenierten Eröffnungsminuten verdichtet. Ein vermummter, in Militäruniform gekleideter Mann eröffnet in einem Supermarkt in der Hamburger Hafencity das Feuer. Sarah Kohr ist noch vor dem SEK vor Ort, stellt den Täter in einem intensiven Nahkampf, muss aber mit ansehen, wie er sich in seinem Büro selbst richtet. Das einzige Todesopfer des vermeintlichen Amoklaufs ist der IT-Fachmann Malik Otark, gespielt von Behrad Beh Nezhad, der eigentlich nur die Geburtstagstorte für seine Tochter holen wollte. Während die offizielle Sprachregelung von einem im „Potenzialfeststellungsverfahren" gescheiterten und deshalb durchgedrehten Soldaten spricht, lässt Kohr ihre Zweifel nicht los. Die Spur führt sie zu einem nahen Bundeswehrstützpunkt, an dem eine Spezialeinheit namens Kommando Interventionskräfte stationiert ist, deren Kommandeur Christian Fesek – verkörpert von Christian Berkel mit kühler Präzision – auffällig schnell zu einem Ermittlungsabschluss drängt. Unterstützung erhält Sarah einzig vom jungen Feldjäger Patrick Beikamp, während ihr eigentlicher Ansprechpartner, Hauptkommissar Thomas Beikamp (Torben Liebrecht), selbst früher beim KIK diente und ihre Bedenken zunächst abtut. Herbert Knaup rundet als Oberstaatsanwalt Anton Mehringer das vertraute Ensemble ab, Corinna Kirchhoff ist erneut als Sarahs Mutter Heike Kohr zu sehen.
Was den Film trägt, ist weniger die politische Brisanz seines Themas – dazu bleibt die Auseinandersetzung mit Vertuschung und Umsturzplänen innerhalb einer militärischen Sondereinheit eher an der Oberfläche – als vielmehr das souveräne Zusammenspiel von Kamera, Musik und Schnitt in den Actionpassagen. Boris Bojadzhiev liefert erneut die Filmmusik, Tobias Schmidt zeichnet für die Kamera verantwortlich, und Lisa Maria Potthoff darf in gleich vier choreografierten Auseinandersetzungen ihre Schlagfertigkeit unter Beweis stellen. Das Publikum dankte es der Folge mit knapp sechs Millionen Zuschauern und starken Marktanteilen bei der Erstausstrahlung im November 2025.
Großer Bruder – Familienbande und alte Schulden
Der zwölfte Reihenteil, inszeniert von Kirsten Laser, schlägt einen deutlich persönlicheren Ton an. Nils Köppke, einst gefürchteter Sprengstoffexperte und gemeinsam mit seinem Bruder Sven verantwortlich für spektakuläre Raubzüge mit Beute in Gold und Juwelen, taucht überraschend wieder in Hamburg auf – jener Stadt, in der er sich eigentlich nicht mehr blicken lassen dürfte, seit er als Kronzeuge gegen Sven aussagte und sich damit dessen Rache zuzog. Steve Windolf gibt dem hochnervösen Aussteiger, der sich in der Zwischenzeit ein glückliches, frisch verliebtes Leben unter neuer Identität aufgebaut hatte, spürbare Zerrissenheit mit, während Jakob Diehl als Sven die Bedrohung verkörpert, die über allem schwebt. Sarah Kohr, die Nils einst selbst im Zeugenschutzprogramm untergebracht hat, steht vor der Frage, warum er all das aufs Spiel setzt: Hat er sich mit seinem Bruder für einen letzten gemeinsamen Coup versöhnt, oder handelt er aus Liebe, aus Angst oder aus beidem zugleich? Die Auflösung liefert eine unerwartet anrührende Wendung, als sich herausstellt, dass Sven todkrank aus humanitären Gründen vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Verstärkt wird das Ensemble durch Jasmin Gerat, Martin Wuttke sowie Boži Kocevski und Julius Nitschkoff als zwielichtige Komplizen, während Herbert Knaup als Mehringer erneut zur Stammbesetzung gehört. Bemerkenswert ist, dass die Folge bewusst auf die politische oder gesellschaftliche Komponente verzichtet, die dem Vorgängerfilm ein kontroverses Echo beim Publikum eingebracht hatte, und sich stattdessen ganz auf die emotionale Dynamik zwischen den beiden Brüdern konzentriert. Ein Einbruch in ein Hamburger Museum, bei dem Sarah selbst kurzzeitig als Geisel genommen wird, sorgt zusätzlich für Spannung und zeigt einmal mehr, wie sehr sich die Kommissarin in Gefahr begibt, um ihre Fälle zu lösen.
Bildsprache und technische Präsentation
One Gate Media bringt beide Filme in einer für ZDF-Fernsehproduktionen erwartungsgemäß sauberen, unaufgeregten Bildqualität auf die Scheibe. Die für das Fernsehen ausgelegte Bildgestaltung – kontrastreich in den nächtlichen und Action-lastigen Szenen, ruhiger und naturalistischer in den Dialogpassagen – wird ohne sichtbare Kompressionsartefakte oder Detailverluste wiedergegeben. Der Ton liegt in klarer deutscher Abmischung vor, die insbesondere in den Kampf- und Verfolgungsszenen der „Im Schatten"-Episode ihre Stärken ausspielt, wenn Musik, Schnitt und Geräuschkulisse eng ineinandergreifen. Bonusmaterial ist auf der Scheibe nicht enthalten; wer sich für Hintergründe zur Produktion interessiert, bleibt auf die eigene Recherche verwiesen.
Die Hauptdarsteller
Getragen werden beide Filme naturgemäß von Lisa Maria Potthoff, die der Reihe seit dem Auftaktfilm „Der letzte Kronzeuge – Flucht in die Alpen" im Jahr 2014 ihr Gesicht gibt und mittlerweile eine der prägendsten Ermittlerinnen des deutschen Fernsehkrimis verkörpert. Ihre Sarah Kohr zeichnet sich durch einen für das Genre ungewöhnlich hohen körperlichen Einsatz aus, den Potthoff in beiden Filmen glaubhaft und ohne sichtbare Schonung umsetzt, während sie der Figur gleichzeitig genug innere Brüchigkeit mitgibt, um sie über die reine Actionfigur hinauswachsen zu lassen. An ihrer Seite steht seit vielen Reihenteilen Herbert Knaup als Oberstaatsanwalt Anton Mehringer, der der Institution um Kohr mit ruhiger Autorität Stabilität verleiht. In „Im Schatten" liefert Christian Berkel als undurchsichtiger Kommandeur Christian Fesek eine kühl kalkulierte Gegenspielerleistung, während Torben Liebrecht als Hauptkommissar Thomas Beikamp die Ambivalenz eines Mannes zwischen alter Loyalität und neuer Verantwortung austariert. In „Großer Bruder" sind es Steve Windolf und Jakob Diehl, die als Brüderpaar Nils und Sven Köppke das eigentliche emotionale Zentrum der Episode bilden und dem sonst auf Tempo und Action ausgelegten Reihenformat eine spürbar melancholische Note verleihen.
Fazit
„Im Schatten" und „Großer Bruder" zeigen die „Sarah Kohr"-Reihe von zwei unterschiedlichen Seiten: einmal als actionbetonten Thriller mit gesellschaftlich aufgeladenem, aber letztlich nur angerissenem Hintergrund, einmal als emotional grundiertes Familiendrama mit Krimi-Fassade. Beide Filme funktionieren für sich, profitieren aber im Doppelpack besonders von der Kontinuität ihrer Hauptfigur, die Lisa Maria Potthoff mit gewohnter Präsenz trägt. Für Fans der Reihe eine solide, wenn auch extrasfreie Ergänzung der Sammlung.