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DEAD MAN'S WIRE (Blu-ray, Leonine)


Augen zu und dem Herzen folgen


DEAD MAN'S WIRE verbindet packende Spannung mit der Rekonstruktion eines außergewöhnlichen Kriminalfalls und zeichnet zugleich ein eindrucksvolles Bild der amerikanischen Medienlandschaft der 1970er-Jahre. Ein atmosphärisch dichter Thriller über öffentliche Wahrnehmung, persönliche Verzweiflung und einen Fall, der bis heute als Meilenstein der True-Crime-Geschichte gilt.


Über den Film


Am Morgen des 8. Februar 1977 stürmt Anthony G. „Tony" Kiritsis das Büro des Präsidenten eines Hypothekenunternehmens. Mit einer präparierten Schrotflinte bewaffnet nimmt er ihn als Geisel und fordert 5 Millionen Dollar, Straffreiheit und eine öffentliche Entschuldigung. Was als verzweifelte Gewalttat eines von der Immobilienbranche um seine Existenz gebrachten Mannes beginnt, entwickelt sich binnen weniger Stunden zu einem landesweiten Medienereignis: Kiritsis, mit einem Drahtauslöser vom Abzug direkt zu seinem eigenen Nacken verbunden, spaziert vor laufenden Kameras mit seiner Geisel durch die Straßen von Indianapolis und wird, so absurd es klingt, für einen Teil der Öffentlichkeit fast über Nacht zu einer Art Volkshelden – ein Mann, der sich gegen die vermeintliche Willkür der Banken zur Wehr setzt. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Verzweiflungstat und Medienspektakel entfaltet der Film seine eigentliche Wirkung.


Gus van Sant zwischen New Hollywood und True Crime
Dass ausgerechnet Gus van Sant sich dieses Stoffs annimmt, überrascht bei genauerem Hinsehen wenig. Der für „Good Will Hunting" oscarnominierte Regisseur, der mit Filmen wie „Milk" oder „My Own Private Idaho" seit jeher ein Gespür für Außenseiterfiguren am Rand der amerikanischen Gesellschaft bewiesen hat, findet in Kiritsis eine Figur, die genau in dieses Themenfeld passt. Van Sant orientiert sich hörbar am rauen, unmittelbaren Kino der 1970er-Jahre – die Nähe zu Sidney Lumets „Hundstage" ist unübersehbar und wohl auch bewusst gesetzt, ohne dass der Film dabei zur bloßen Hommage verkommt. Stattdessen entwickelt er, unterstützt durch das schnörkellose Drehbuch von Debütant Austin Kolodney, einen eigenen, angenehm undramatisierten Erzählton, der die Ereignisse nüchtern rekonstruiert, statt sie reißerisch auszuschlachten. Die Kameraarbeit von Arnaud Potier und der von Danny Elfman komponierte Score fügen sich dabei zu einem stimmigen Zeitkolorit, das die Siebzigerjahre nicht museal nachstellt, sondern spürbar lebendig hält.


Bill Skarsgård, Al Pacino und Colman Domingo


Getragen wird der Film maßgeblich von Bill Skarsgård in der Rolle des Tony Kiritsis. Der schwedische Schauspieler, dem breiteres Publikum vor allem aus Genreproduktionen wie „Es" oder „Nosferatu" bekannt sein dürfte, zeigt hier eine ganz andere Facette seines Könnens: Statt auf reine Bedrohlichkeit zu setzen, verleiht er Kiritsis eine fast tragikomische Verletzlichkeit, die den Mann zugleich gefährlich und zutiefst bemitleidenswert erscheinen lässt. Diese Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Verzweiflung trägt den Film über weite Strecken.


An seiner Seite überzeugt Colman Domingo als Fred Temple, ein Radiomoderator, der im Verlauf der Geiselnahme unverhofft zu einer zentralen Figur der Verhandlungen wird. Domingo, der in den vergangenen Jahren mit Rollen in vielbeachteten Produktionen sein Gespür für vielschichtige, menschlich geerdete Charaktere unter Beweis gestellt hat, bringt genau diese Qualität auch hier ein und verleiht der medialen Dimension des Falls ein glaubwürdiges Gesicht. Al Pacino wiederum ist zwar nur in einer vergleichsweise kleinen Nebenrolle als Vater des entführten Bankmanagers zu sehen, nutzt die wenige Zeit, die ihm der Film einräumt, aber dennoch, um der Geschichte in ihren emotionalsten Momenten zusätzliches Gewicht zu verleihen. Dass ein Schauspieler seines Formats überhaupt für eine so begrenzte Rolle gewonnen werden konnte, spricht für sich und unterstreicht, welchen Stellenwert das Projekt innerhalb der Branche genoss.


Bild, Ton und Ausstattung der Blu-ray


Leonine bringt DEAD MAN'S WIRE in einer technisch sauberen Umsetzung auf Blu-ray, die dem körnigen, bewusst zurückgenommenen Look der Kameraarbeit gerecht wird, ohne das Bild künstlich zu glätten. Die Farbgebung orientiert sich erkennbar an der gedeckten, leicht ausgewaschenen Ästhetik von Siebzigerjahre-Produktionen und trägt so spürbar zur Atmosphäre bei, statt sie zu konterkarieren. Tontechnisch bleibt der Film seiner dialoglastigen Erzählweise treu: Die Abmischung stellt die Wortgefechte zwischen den Figuren klar in den Vordergrund, während Elfmans Score sich dezent, aber wirkungsvoll im Hintergrund hält. Wer sich für die Entstehung des Films und die Einordnung des realen Falls interessiert, findet in den ergänzenden Materialien der Scheibe eine sinnvolle Vertiefung, die das Geschehen noch einmal aus der Distanz beleuchtet, ohne den Film selbst mit zu viel Zusatzmaterial zu überfrachten.


Fazit


DEAD MAN'S WIRE ist ein Film, der seine Spannung nicht aus schnellen Schnitten oder lauten Actionmomenten bezieht, sondern aus der Genauigkeit, mit der er einen Mann und ein Land porträtiert, die beide kurz davor stehen, die Kontrolle zu verlieren. Gus van Sant gelingt mit ruhiger Hand eine Reise in die amerikanischen Siebziger, die dank Bill Skarsgårds intensiver Hauptrolle und der starken Unterstützung durch Colman Domingo und Al Pacino weit über den bloßen True-Crime-Reiz hinausgeht. Wer dichte, figurengetriebene Thriller im Geiste des New-Hollywood-Kinos schätzt, sollte sich diese Blu-ray nicht entgehen lassen.