Geliebter Spinner (Billy Liar) – Blu-ray-Kritik zur Neuveröffentlichung von Studiocanal
Zwischen Bestattungsbüro und Fantasienation Ambrosia
In der tristen nordenglischen Provinzstadt Stradhoughton fristet der junge Billy Fisher sein Dasein als Angestellter im Büro einer Bestattungsfirma. Der Alltag ist grau, die Aussichten begrenzt, und so flüchtet sich Billy immer wieder in aufwendig ausgestaltete Tagträume, in denen er als Kriegsheld und als politischer Führer der von ihm erdachten Nation Ambrosia glänzt. Auch im echten Leben nimmt er es mit der Wahrheit nicht sonderlich genau: Seiner Familie tischt er frei erfundene Geschichten auf, und gleich zwei Frauen, Rita und Barbara, hält er mit widersprüchlichen Verlobungsversprechen bei Laune, nur um sich mit beiden treffen zu können. Einzig die unkonventionelle, freigeistige Liz scheint hinter Billys Fassade aus Notlügen und Wunschdenken den eigentlichen Menschen zu erkennen – und weckt damit als Einzige sein aufrichtiges Interesse. Der Film begleitet Billy über einen einzigen entscheidenden Tag, an dem sich die Frage stellt, ob er den Mut aufbringt, seiner erstickenden Umgebung tatsächlich den Rücken zu kehren, oder ob ihn am Ende doch die Bequemlichkeit des Vertrauten festhält.
John Schlesinger und die British New Wave
Geliebter Spinner entstand 1963 und zählt zu den prägenden Werken der British New Wave, jener Bewegung des britischen Kinos, die sich dem Alltag der Arbeiterklasse und der Provinz zuwandte und dabei mit einer neuen, unsentimentalen Schärfe auf gesellschaftliche Zwänge blickte. Regisseur John Schlesinger, der später mit Asphalt Cowboy den Oscar für die beste Regie gewinnen und auch bei der Berlinale ausgezeichnet werden sollte, zeigt hier bereits jenes Gespür für Figuren im Konflikt zwischen persönlicher Sehnsucht und gesellschaftlicher Enge, das sein gesamtes Werk durchziehen wird. Basierend auf dem Roman und der Bühnenfassung „Billy, der Lügner" von Keith Waterhouse und Willis Hall formt Schlesinger den Stoff zu einer romantisch grundierten Gesellschaftssatire, die weniger die Lügen selbst verurteilt als vielmehr die Verhältnisse hinterfragt, die einen jungen Menschen überhaupt erst dazu treiben, sich eine bessere Wirklichkeit zusammenzuträumen. Die Tagtraumsequenzen um Ambrosia dienen dabei nie als reiner Budenzauber, sondern als bittersüßer Kommentar auf die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die Billys gesamte Existenz bestimmt. Insgesamt sechs BAFTA-Nominierungen, darunter die für den besten Film, unterstreichen den Rang, den der Film schon bei seiner Entstehung im britischen Kino einnahm.
Tom Courtenay und Julie Christie
Getragen wird der Film von Tom Courtenay in der Titelrolle, der Billy mit einer Mischung aus jugendlichem Trotz, Verletzlichkeit und komödiantischem Talent ausstattet und für seine Leistung ebenfalls eine BAFTA-Nominierung erhielt. Courtenay, der wenig später an der Seite von Omar Sharif in Doktor Schiwago internationale Bekanntheit erlangen sollte, findet in Billy eine Figur, die zwischen Sympathie und Ärgernis oszilliert, ohne dabei je ihre menschliche Glaubwürdigkeit zu verlieren. Ihm zur Seite steht Julie Christie als Liz, in ihrer ersten großen Filmrolle, die sie ebenfalls für eine BAFTA-Nominierung empfahl. Christie, die kurz darauf mit Wenn die Gondeln Trauer tragen einen der einprägsamsten Auftritte des britischen Kinos der siebziger Jahre liefern und einen Oscar gewinnen sollte, verkörpert Liz mit einer Leichtigkeit und Selbstbestimmtheit, die im England der frühen Sechziger geradezu aufrührerisch wirkt. Ihr kurzer, aber intensiver Auftritt setzt einen Kontrapunkt zu Billys Unentschlossenheit und macht deutlich, warum gerade sie es ist, die er am Ende nicht loslassen kann, ohne sich zugleich seiner eigenen Ängstlichkeit zu stellen.
Bildsprache und Erzähltempo
Schlesinger inszeniert Stradhoughton als Ort im Umbruch, in dem die alten Fassaden der Provinzstadt bereits den Baggern und Neubauten weichen, ein visuelles Echo auf Billys eigenen inneren Konflikt zwischen Beharren und Aufbruch. Die Kameraarbeit fängt sowohl die Enge der familiären Wohnstube als auch die traumhafte Weite der Ambrosia-Sequenzen mit spürbarem Gespür für Kontraste ein. Das Erzähltempo bleibt dabei angenehm unaufgeregt, ohne die satirische Schärfe der Vorlage zu verlieren, und lässt den Figuren genug Raum, damit ihre jeweiligen Beweggründe nachvollziehbar werden, selbst wenn Billys ständiges Lügen den Zuschauer immer wieder vor den Kopf stößt.
Bildqualität und Ton der neuen Blu-ray
Die neue Blu-ray-Veröffentlichung von Studiocanal präsentiert Geliebter Spinner in einer Bildqualität, die dem Alter des Materials sichtlich Rechnung trägt und zugleich die Sorgfalt der Restaurierung erkennen lässt. Kontraste und Schwarzwerte wirken stabil, das für die Kameraarbeit der Sechziger typische Filmkorn bleibt erhalten, ohne aufdringlich zu wirken, und die Detailzeichnung profitiert sichtbar von der hochauflösenden Aufbereitung. Der Ton erfüllt seinen Zweck zuverlässig, Dialoge bleiben jederzeit klar verständlich, auch wenn man angesichts des Alters der Tonspur keine Wunder erwarten sollte.
Verpackung und Ausstattung
Studiocanal legt den Film in einer Aufmachung vor, die dem Ruf des Studios als verlässlicher Hüter klassischer Kinowerke gerecht wird. Die Gestaltung orientiert sich erkennbar an der Bildsprache der sechziger Jahre und dürfte Sammler ebenso ansprechen wie Neueinsteiger, die den Film erstmals für sich entdecken.
Bonusmaterial
Wer sich intensiver mit der Entstehung von Geliebter Spinner beschäftigen möchte, wird auf der Scheibe reichlich fündig. Ein Audiokommentar ordnet den Film aus heutiger Perspektive ein und beleuchtet sowohl die Produktionsgeschichte als auch die Stellung des Werks innerhalb der British New Wave. Ergänzt wird dieser Kommentar durch Interviews, die Einblicke in die Zusammenarbeit von Schlesinger mit seinem Ensemble sowie in die Entstehung der Ambrosia-Sequenzen geben. Eine Featurette widmet sich vertiefend einzelnen Aspekten der Produktion, während eine Fotogalerie mit Aufnahmen vom Set und aus der Entstehungszeit einen zusätzlichen visuellen Rückblick erlaubt. Abgerundet wird das Paket durch den Originaltrailer, der einen Eindruck davon vermittelt, wie der Film seinerzeit vermarktet wurde.
Fazit
Geliebter Spinner ist ein Schlüsselwerk der British New Wave, das dank John Schlesingers feinfühliger Regie und den herausragenden Leistungen von Tom Courtenay und Julie Christie bis heute nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. Die Studiocanal-Blu-ray präsentiert den Klassiker in ansprechender technischer Qualität und mit einem Bonusprogramm, das Fans des britischen Kinos viel Freude bereiten dürfte.