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„Der Kodex der Drachen" – Rezension zum Hörbuch


Mit „Der Kodex der Drachen" liefert S. F. Williamson die von zahllosen Fans sehnsüchtig erwartete Fortsetzung ihres Debüts „Die Sprache der Drachen" – und wer die erste Runde in Antonia Zauners Übersetzung im Ohr hatte, weiß, worauf er sich einlässt: ein alternatives London des Jahres 1923, in dem Menschen und Drachen seit fünfzig brüchigen Jahren einen Frieden wahren, der von Klassenschranken und politischem Kalkül zusammengehalten wird. Genau dieser Frieden zerbricht nun endgültig, und mit ihm die Illusion, dass Vivien Featherswallow sich aus dem Konflikt heraushalten könnte.


Eine Heldin zwischen Flucht und Führung


Vivien hat im ersten Band die geheime Sprache der Drachen entschlüsselt, um ihre Schwester Ursa zu retten – und dabei eine Verschwörung freigelegt, die bis in die Regierungsspitze reicht. Der Preis dafür ist hoch: Sie ist zur Gejagten geworden, gleichzeitig aber auch zum Gesicht einer Rebellion, in der Menschen und Drachen auf beiden Seiten der Front stehen. Williamson nimmt sich in „Der Kodex der Drachen" die Freiheit, ihre Protagonistin nicht länger als vorsichtige Regelbefolgerin zu zeichnen, die sie zu Beginn der Reihe noch war, sondern als jemanden, der Verantwortung für ein ganzes Aufbegehren tragen muss. Diese Verschiebung – vom Mädchen, das durchkommen will, zur Anführerin, die andere in Gefahr bringt, wenn sie scheitert – ist der eigentliche emotionale Motor des zweiten Bandes. Viviens Suche nach einer uralten, mächtigen Drachenart, die den Ausschlag im Kampf geben könnte, führt sie unter anderem auf die schottische Insel Canna, was der Handlung eine willkommene geografische und atmosphärische Erweiterung gegenüber dem stark auf London fokussierten Auftaktband verschafft.


Sprache, Politik und die Kosten des Krieges


Was „Die Sprache der Drachen" von vergleichbaren Reihen abhob, war Williamsons persönliches Faible für Linguistik – ihre eigene Erfahrung als Übersetzerin, bei der stets etwas verloren geht, sobald man eine Sprache in eine andere überträgt, spiegelt sich unmittelbar in Viviens Arbeit an der Drachensprache wider. Dieses Thema bleibt auch im zweiten Band tragend: Die Kommunikation zwischen den Spezies ist nicht nur Handlungsmotor, sondern eine Metapher für Vertrauen, Missverständnis und Manipulation, die durch das gesamte Buch trägt. Zugleich verschiebt sich der Fokus spürbar in Richtung Krieg und dessen Konsequenzen – Verluste im Freundeskreis Viviens, darunter Menschen, die den treuen Hörer:innen aus Band eins ans Herz gewachsen sind, machen früh klar, dass Williamson diesmal nicht zimperlich mit ihrem Personal umgeht. Wer das Found-Family-Element der Reihe mochte, bekommt hier eine deutlich schmerzhaftere, aber auch reifere Fortsetzung dieses Motivs serviert.


Romantik im Schatten der Rebellion


Auch das Liebesthema – Forbidden Love, Forced Proximity, Friends to Lovers – bleibt präsent, drängt sich aber angenehm zurückhaltend in den Hintergrund, statt die politische und kriegerische Haupthandlung zu überlagern. Mit einem angegebenen Spice-Level von 2 von 5 bewegt sich die Reihe weiterhin im Bereich der angedeuteten, atmosphärischen Zärtlichkeit statt expliziter Szenen, was zum insgesamt eher düsteren, Dark-Academia-geprägten Grundton passt. Gerade weil die Romanze nie zum Selbstzweck wird, sondern konsequent den Beziehungen zwischen Vivien, ihren Verbündeten und den Drachen selbst untergeordnet bleibt, wirkt sie glaubwürdiger als in vielen genreverwandten New-Adult-Fantasy-Titeln.


Nina Reithmeier als Stimme der Rebellion


Für die ungekürzte Lesung mit einer Laufzeit von 12 Stunden und 32 Minuten zeichnet erneut eine erfahrene Sprecherin verantwortlich, die dem Text spürbar Tempo und emotionale Schärfe verleiht. Nina Reithmeier gelingt der Balanceakt zwischen der wachsenden Härte, die Viviens Figur im Kriegsverlauf annimmt, und den leiseren, verletzlicheren Momenten, in denen die junge Frau an ihrer Rolle als Symbolfigur zu zerbrechen droht. Besonders überzeugend gerät die stimmliche Differenzierung der zahlreichen Nebenfiguren – von Militärs über Rebellenfreunde bis zu den Drachen selbst –, die dem Hörerlebnis eine Klarheit verleiht, die bei einem derart figurenreichen Politthriller-Fantasy-Hybrid keineswegs selbstverständlich ist. Antonia Zauners Übersetzung liest sich zudem flüssig und behält den charakteristischen Sprachwitz sowie die linguistischen Spielereien des Originals bei, ohne dabei ins Sperrige abzugleiten – keine Selbstverständlichkeit bei einem Roman, in dem Sprache selbst zum zentralen Thema wird.


Fazit


„Der Kodex der Drachen" ist eine Fortsetzung, die ihre Vorlage nicht nur bestätigt, sondern in Sachen Tempo, emotionalem Gewicht und Weltenbau übertrifft. Wer sich für Vivien Featherswallows Weg vom vorsichtigen Mädchen zur Symbolfigur einer Rebellion begeistern konnte, bekommt hier eine folgerichtige, packende Weiterführung, die trotz ihrer über zwölfstündigen Laufzeit kaum Längen zulässt. Nina Reithmeiers Interpretation macht das Hörbuch zu einer mehr als würdigen Alternative zur gedruckten Ausgabe – wer die Reihe ohnehin verfolgt, sollte hier bedenkenlos zugreifen.