KLUTE – Blu-ray & DVD im Mediabook von Plaion Pictures
Die Stadt als Labyrinth der Angst
New York City, frühe siebziger Jahre: Eine Stadt im Umbruch, deren Straßen bei Nacht zu einem Geflecht aus Neonlicht, Anonymität und stiller Bedrohung werden. In dieser Kulisse entfaltet Alan J. Pakula seinen 1971 entstandenen Thriller KLUTE, der heute als eines der prägendsten Werke des New Hollywood gilt und nun endlich seine deutsche Blu-ray-Premiere erlebt. Der Film erzählt von John Klute, einem zurückhaltenden Kleinstadtdetektiv, der von seinem Wohnort in eine für ihn fremde, bedrohliche Metropole geschickt wird, um dem Verschwinden seines Freundes Tom Gruneman auf den Grund zu gehen. Die einzige Spur, die sich auftut, ist ein obszöner Brief, gefunden im Büro des vermissten Forschungsingenieurs, adressiert an eine junge Frau namens Bree Daniels, die ihren Lebensunterhalt als Callgirl verdient. Was als klassische Vermisstensuche beginnt, entwickelt sich zu einer psychologischen Studie zweier Menschen, die einander zunächst misstrauisch beäugen, sich widerwillig aneinander binden und gemeinsam in eine Unterwelt hinabsteigen, in der man höchst ungern lebende Zeugen zurücklässt.
KLUTE ist dabei weit mehr als ein simpler Kriminalfilm. Er ist eine Charakterstudie, ein Stimmungsbild einer verunsicherten Nation und, nicht zuletzt, ein Film über Überwachung, Kontrolle und das Gefühl, permanent beobachtet zu werden – Themen, die wenige Jahre später in Pakulas berühmtestem Werk noch offener politisch verhandelt werden sollten.
Alan J. Pakula – Der Chronist der Paranoia
Bevor Alan J. Pakula mit seiner sogenannten "Paranoia-Trilogie" – bestehend aus KLUTE, DER PARALLAXE-EFFEKT und DIE UNBESTECHLICHEN – zu einem der einflussreichsten Regisseure des amerikanischen Kinos der siebziger Jahre wurde, hatte er sich bereits als Produzent einen Namen gemacht. In Zusammenarbeit mit Robert Mulligan brachte er unter anderem WER DIE NACHTIGALL STÖRT auf die Leinwand, bevor er selbst hinter die Kamera wechselte. Mit KLUTE gelang ihm als Regisseur einer seiner ersten großen Würfe: ein Film, der das Genre des Film Noir mit dem Zeitgeist einer von Watergate, Vietnamkrieg und gesellschaftlichem Misstrauen geprägten Ära verschmilzt. Pakulas Inszenierung lebt von einer bedrückenden Klaustrophobie, von Räumen, die selbst in ihrer Weite eng und bedrohlich wirken, und von einer Kamera, die ihre Figuren immer wieder aus dem Dunkel heraus beobachtet – ein visuelles Echo des Überwachungsthemas, das den gesamten Film durchzieht. Maßgeblichen Anteil daran hatte Kameramann Gordon Willis, der später auch DIE UNBESTECHLICHEN sowie zahlreiche Filme von Woody Allen fotografierte und für seinen unverwechselbaren, schattenreichen Stil den Beinamen "Prince of Darkness" erhielt. Gemeinsam schufen Pakula und Willis mit KLUTE ein visuelles Klima, das dem Zuschauer nie erlaubt, sich sicher zu fühlen.
Jane Fonda – Eine Karriere im Wendepunkt
Die Rolle der Bree Daniels markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere von Jane Fonda. Als Tochter der Hollywood-Legende Henry Fonda hatte sie sich in den sechziger Jahren zunächst mit leichteren Komödien und, nicht zuletzt durch BARBARELLA, als Sexsymbol des europäischen Kinos einen Namen gemacht. Mit KLUTE jedoch bewies sie eine schauspielerische Tiefe, die ihr bis dahin nur wenige zugetraut hatten. Ihre Bree Daniels ist eine Frau voller Widersprüche: selbstbewusst und verletzlich, kontrollierend und zugleich in ständiger Angst vor Kontrollverlust, eine Frau, die in ihren Therapiesitzungen offener über sich spricht als in jedem anderen Moment ihres Lebens. Für diese Darstellung wurde Fonda 1972 folgerichtig mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet – der erste von letztlich zwei Academy Awards ihrer Karriere. Die Rolle fiel zudem in eine Zeit, in der Fonda auch abseits der Leinwand zu einer der politisch aktivsten und meistdiskutierten Personen Hollywoods wurde, was ihrer Darstellung einer Frau, die sich gegen gesellschaftliche Erwartungen behauptet, eine zusätzliche, fast biografische Reibung verleiht.
Donald Sutherland – Die stille Gegenkraft
An ihrer Seite steht Donald Sutherland als titelgebender John Klute, eine Rolle, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber gerade durch ihre Zurückhaltung ihre Kraft entfaltet. Sutherland, der sich kurz zuvor mit MAS*H einem breiten Publikum empfohlen hatte, spielt Klute als einen Mann, der in der lauten, sündigen Großstadt fast fehl am Platz wirkt – introvertiert, moralisch gefestigt und dadurch ein deutlicher Kontrast zu der Welt, in die er sich begibt. Es ist eine bewusst unterspielte Performance, die dem Film erlaubt, sich ganz auf Fondas Bree zu konzentrieren, ohne dass Sutherlands Klute dabei blass bliebe. Im Gegenteil: Die stille Beharrlichkeit, mit der er sich durch das New Yorker Milieu bewegt, wird zum ruhenden Pol eines Films, der ansonsten von Nervosität und Misstrauen durchzogen ist. Übrigens verband Fonda und Sutherland zur Zeit der Dreharbeiten auch privat eine Beziehung, was der Chemie zwischen den beiden Figuren eine zusätzliche, kaum zu verkennende Authentizität verleiht.
Handlung – Ein Fall zwischen den Zeilen
Die Geschichte von KLUTE nimmt ihren Ausgang in einer amerikanischen Kleinstadt, aus der der Forschungsingenieur Tom Gruneman spurlos verschwunden ist. Sein Freund John Klute, von Beruf Detektiv, wird gebeten, in New York City nach ihm zu suchen. Die einzige greifbare Spur führt zu einem obszönen Brief, den man im Büro des Vermissten gefunden hat, gerichtet an ein Callgirl namens Bree Daniels. Klute nimmt Kontakt zu Bree auf, die zunächst nichts mit ihm zu tun haben will – sie hat es leid, von Männern befragt und beurteilt zu werden, und misstraut dem stillen Fremden zutiefst. Doch nach und nach begreift sie, dass jemand tatsächlich hinter ihr her ist. Anonyme Anrufe, das Gefühl, beobachtet zu werden, und schließlich handfeste Bedrohungen zwingen Bree, sich mit Klute zu verbünden. Gemeinsam tasten sie sich durch das New Yorker Rotlichtmilieu, durch Peepshows, Modelagenturen und die Schattenwelt zwielichtiger Geschäftsmänner, immer auf der Suche nach der Wahrheit über Grunemans Verschwinden. Was sie dabei aufdecken, ist ein Netz aus Erpressung, sexueller Gewalt und tödlicher Verschwiegenheit – eine Welt, in der lebende Zeugen zur Gefahr werden und in der die Grenze zwischen Jäger und Gejagtem zunehmend verschwimmt. Zwischen Klute und Bree entwickelt sich derweil eine Beziehung, die so widerwillig wie unausweichlich erscheint, geboren aus gemeinsamer Angst und der Erkenntnis, dass keiner von beiden diesen Fall allein überstehen kann.
Die deutsche Blu-ray-Premiere von Plaion Pictures
Es ist ein Umstand, der lange für Kopfschütteln unter Cineasten sorgte: Ein Film von der Bedeutung KLUTEs musste hierzulande über Jahrzehnte ohne eine hochwertige HD-Veröffentlichung auskommen. Plaion Pictures schließt diese Lücke nun mit einem liebevoll gestalteten Mediabook, das den Film erstmals in deutscher Sprache auf Blu-ray Disc bringt und zusätzlich eine DVD-Fassung beilegt. Für Sammler und Cineasten, die den Film bislang nur über ausländische Importe oder in unbefriedigender Bildqualität kennenlernen konnten, ist dies ein lang ersehnter Moment.
Bild und Ton
Die Bildpräsentation orientiert sich erkennbar an einer sorgfältigen Restaurierung, die Gordon Willis' schattenreiche, kontrastreiche Fotografie in einer Weise zur Geltung bringt, wie man es dem Film in Deutschland bislang nicht zugestehen konnte. Gerade die für KLUTE so charakteristischen dunklen Bildpartien, in denen sich Figuren aus dem Halbdunkel schälen, profitieren erheblich von der höheren Auflösung und dem gewonnenen Kontrastumfang. Die körnige, leicht raue Anmutung des Filmmaterials bleibt dabei bewusst erhalten und unterstreicht den zeittypischen Look früher siebziger Jahre. Tontechnisch darf man von einer soliden, dem Alter des Films angemessenen Aufbereitung ausgehen, die sowohl die deutsche Synchronfassung als auch den englischen Originalton in ordentlicher Qualität bietet und damit auch Cineasten entgegenkommt, die Fonda und Sutherland in ihren Originalstimmen erleben möchten.
Bonusmaterial
Plaion Pictures spendiert der Veröffentlichung ein respektables Bonusprogramm, das dem Film den historischen und produktionstechnischen Rahmen gibt, den man sich von einer solchen Erstveröffentlichung wünscht. Ein Making-of gewährt Einblicke in die Entstehung des Films, während mehrere Interviews mit an der Produktion Beteiligten die damaligen Dreharbeiten und die Zusammenarbeit mit Pakula, Fonda und Sutherland aus persönlicher Perspektive beleuchten. Ergänzt wird dies durch Material aus dem "Behind the Scenes"-Bereich, das einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten erlaubt und die sorgfältige visuelle Gestaltung des Films noch einmal in den Fokus rückt. Der deutsche Teaser sowie der englische Kinotrailer runden das werbliche Beiwerk der damaligen Zeit ab, während eine Bildergalerie zusätzliches Fotomaterial aus Produktion und Vermarktung versammelt. Besonders hervorzuheben ist das beiliegende Booklet aus der Feder von Tobias Hohmann, das dem Film einen fundierten schriftlichen Kontext verleiht und sowohl Einsteigern als auch langjährigen Kennern des New-Hollywood-Kinos eine lohnenswerte Lektüre bietet.
Ausstattung als Mediabook
Als Mediabook konzipiert, wendet sich diese Veröffentlichung klar an ein Sammlerpublikum, das Wert auf eine hochwertige, mit gebundenem Booklet versehene Präsentation legt. Die Kombination aus Blu-ray und DVD in einem Format sorgt zudem dafür, dass der Film auch jenen zugänglich bleibt, die noch nicht vollständig auf die HD-Wiedergabe umgestiegen sind – eine kluge Entscheidung angesichts der immer noch nicht unerheblichen Fangemeinde klassischer Standard-Definition-Abspielgeräte.
Fazit
KLUTE ist ein Film, der mit den Mitteln des klassischen Film Noir eine zutiefst zeitgenössische Geschichte über Kontrolle, Überwachung und die Zerbrechlichkeit menschlicher Identität erzählt. Alan J. Pakula gelingt hier bereits jene meisterhafte Verbindung von Genrekino und Zeitgeist-Analyse, die er wenige Jahre später mit DIE UNBESTECHLICHEN zur Perfektion führen sollte, während Jane Fonda mit ihrer oscarprämierten Darstellung der Bree Daniels eine der komplexesten weiblichen Figuren des New-Hollywood-Kinos erschafft. Donald Sutherland gibt ihr dabei mit stiller Beharrlichkeit den nötigen Gegenpol. Dass dieser Film nun endlich, über fünf Jahrzehnte nach seiner Entstehung, eine würdige deutsche Heimkinoveröffentlichung erhält, ist ein Grund zur Freude für jeden Freund des intelligenten, atmosphärisch dichten Thrillerkinos. Das Mediabook von Plaion Pictures überzeugt mit solider technischer Präsentation, einem informativen Bonusprogramm und einer sammlerfreundlichen Ausstattung.