Marvel Events: Avengers vs. X-Men – Review
Kaum ein Marvel-Crossover der letzten fünfzehn Jahre hat die Fangemeinde derart gespalten wie Avengers vs. X-Men. Panini bringt das 2012 erschienene Event nun im Rahmen der Marvel-Events-Reihe erneut zusammen mit allen dazugehörigen Ausgaben in einem prall gefüllten Sammelband, der sowohl die zwölfteilige Hauptserie als auch das ergänzende Point-of-One-Kapitel enthält. Wer die großen Marvel-Crossovers der vergangenen Dekade verpasst hat, findet hier einen der ambitioniertesten Einträge des Genres, ambitioniert nicht nur inhaltlich, sondern auch, was das versammelte Kreativteam angeht, das zu den umfangreichsten zusammengehört, die Marvel jemals für ein einzelnes Event zusammengetrommelt hat.
Die Phoenix-Kraft als Zankapfel
Im Zentrum der Geschichte steht ein Konflikt, der auf den ersten Blick simpel wirkt, sich bei näherer Betrachtung aber als moralisch enorm vielschichtig entpuppt. Die kosmische Phoenix-Kraft, jene urzeitliche Entität von schier unbegrenzter Zerstörungskraft, nähert sich der Erde, und für die beiden mächtigsten Superheldenfraktionen des Marvel-Universums bedeutet ihr Kommen etwas fundamental Unterschiedliches. Captain America und seine Avengers sehen in ihr eine existenzielle Bedrohung, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt, schließlich hat die Phoenix-Kraft in ihrer Vergangenheit bereits ganze Sonnensysteme ausgelöscht und in Jean Grey einst eine ihrer eigenen Trägerinnen in den Wahnsinn und letztlich in den Tod getrieben. Cyclops und sein wiedererstarktes X-Men-Team hingegen erblicken in ihrer Ankunft die letzte Hoffnung, das Überleben der ohnehin schon dramatisch dezimierten Mutantenspezies zu sichern. Nach Jahren, in denen kaum noch neue Mutanten geboren wurden, verspricht die Phoenix-Kraft die Möglichkeit einer regelrechten Wiedergeburt der Spezies. Mittendrin steht Hope Summers, die als Auserwählte der Phoenix-Kraft und Messias der Mutanten zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt des gesamten Konflikts wird, ein junges Mädchen, dessen Schicksal beide Seiten für sich beanspruchen wollen und das im Verlauf der Handlung selbst zur zentralen Figur wird, die letztlich über den Ausgang des Kriegs entscheidet.
Diese Konstruktion, in der beide Seiten aus nachvollziehbaren, ja geradezu ehrenwerten Motiven heraus handeln, macht Avengers vs. X-Men zu weit mehr als einer bloßen Materialschlacht zwischen Superheldenteams. Es gibt hier bewusst keine eindeutigen Bösewichte, zumindest nicht zu Beginn, sondern zwei Weltanschauungen, die aus jeweils gutem Grund unvereinbar erscheinen. Genau diese Ambivalenz ist es, die dem Event seine erzählerische Substanz verleiht und es von reinen Materialschlachten anderer Crossover-Comics abhebt.
Ein Kreativteam wie ein Marvel All-Star-Roster
Was diesen Band besonders auszeichnet, ist die schiere Dichte an namhaften Autorinnen und Autoren, die sich das Skript geteilt haben. Neben Brian Michael Bendis, der zu jener Zeit als einer der prägendsten Architekten des Avengers-Franchise galt und mit Events wie House of M, Secret Invasion und Siege bereits einschlägige Erfahrung mit großen Marvel-Crossovers gesammelt hatte, tragen auch Ed Brubaker, Jason Aaron, Matt Fraction und Jonathan Hickman zur Geschichte bei, jeder mit seiner eigenen erzählerischen Handschrift. Hickman, der zu dieser Zeit bereits an seinem gefeierten Avengers-Run arbeitete und später mit Infinity und Secret Wars weitere Großereignisse verantworten sollte, bringt seine Vorliebe für großformatige, fast kosmische Erzählstrukturen ein, während Jason Aaron, der zeitgleich die X-Men-Reihe verantwortete, den Mutanten-Figuren ihre gewohnte Widerspenstigkeit und Schärfe verleiht.
Diese Konstellation aus fünf gleichberechtigten Autoren hätte in weniger erfahrenen Händen leicht zu einem stilistischen Flickenteppich werden können, zumal jeder von ihnen zu jener Zeit eigene, eng verzahnte Serien im Avengers- beziehungsweise X-Men-Kosmos betreute. Das Ergebnis liest sich dennoch erstaunlich geschlossen, was nicht zuletzt der sorgfältigen redaktionellen Abstimmung zu verdanken ist, mit der die einzelnen Kapitel ineinandergreifen. Auf der zeichnerischen Seite sorgen unter anderem John Romita Jr. mit seinem unverwechselbar kantigen, fast schon kirbyesken Stil sowie Adam Kubert und Olivier Coipel für eine visuelle Wucht, die dem titelgebenden Showdown gerecht wird. Gerade Romita Jr.s dynamische Actionseiten, die den Konflikt mit rohkantiger Energie und ungewöhnlichen Perspektiven einfangen, gehören zu den optischen Höhepunkten des gesamten Bandes. Ergänzt wird dieses Aufgebot durch weitere Künstler wie Frank Cho und Ed McGuinness, die einzelnen Kapiteln ihre je eigene visuelle Note verleihen und so für zusätzliche Abwechslung innerhalb der insgesamt sehr umfangreichen Sammlung sorgen.
Von der Straße bis zum Weltraum
Erzählerisch nimmt sich Avengers vs. X-Men viel Raum, um den Konflikt aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten. Der Krieg zwischen den beiden Teams eskaliert von einzelnen Scharmützeln in den Straßen New Yorks bis hin zu Schlachten in kosmischen Dimensionen, während sich auf beiden Seiten Charaktere in moralische Grauzonen begeben, die ihre jeweiligen Überzeugungen zunehmend auf die Probe stellen. Besonders die Entwicklung von Cyclops steht dabei im Zentrum der Geschichte, der im Verlauf des Events eine der radikalsten und folgenreichsten Wandlungen durchläuft, die eine Marvel-Hauptfigur in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Was als verzweifelter Versuch beginnt, seiner Spezies eine Zukunft zu sichern, verwandelt sich zunehmend in eine gefährliche Verblendung, die den einstigen X-Men-Anführer in eine Rolle drängt, die viele langjährige Leserinnen und Leser nicht für möglich gehalten hätten.
Auch die Struktur der einzelnen Kapitel trägt zur erzählerischen Dichte bei: Statt den Konflikt linear abzuhandeln, wechseln die Ausgaben immer wieder die Perspektive zwischen einzelnen Charakteren und Schauplätzen, sodass sich ein vielschichtiges Bild des gesamten Krieges ergibt. Nebenfiguren wie die einstigen Erz-Rivalen Wolverine und Cyclops, deren Beziehung im Verlauf der Geschichte einen weiteren dramatischen Bruch erfährt, oder Iron Man, der als taktischer Kopf der Avengers immer wieder mit den Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen konfrontiert wird, erhalten genug Raum, um sich als eigenständige Figuren innerhalb des großen Ganzen zu entfalten. Besonders bemerkenswert ist zudem, wie sehr das Event bereit ist, liebgewonnene Figuren tatsächlich zu verändern, statt sie am Ende unversehrt in den Status quo zurückzuführen. Diese Konsequenz in den Auswirkungen ist es, die Avengers vs. X-Men von vielen anderen Event-Comics jener Ära unterscheidet und ihm bis heute einen besonderen Stellenwert innerhalb der Marvel-Chronologie sichert, denn die Nachwehen dieses Konflikts prägten die X-Men- und Avengers-Reihen noch Jahre über das eigentliche Event hinaus.
Umfang und Zusatzmaterial
Der vorliegende Sammelband punktet zudem mit seinem beachtlichen Umfang, der neben der zwölfteiligen Hauptserie auch das ergänzende Point-of-One-Kapitel enthält, das zusätzlichen Kontext zur Vorgeschichte der Ereignisse liefert. Wer sich schon einmal mit vergleichbaren Ausgaben dieses Events beschäftigt hat, weiß zudem, dass solche umfangreichen Sammlungen häufig mit einer ausführlichen Covergalerie abgerundet werden, die neben den regulären Ausgaben auch zahlreiche Variant-Cover versammelt und einen guten Überblick über die visuelle Bandbreite der beteiligten Künstler verschafft. Diese Materialfülle macht den Band nicht nur für Neueinsteiger, sondern auch für langjährige Sammlerinnen und Sammler zu einer lohnenden Anschaffung, zumal ein Event dieser Tragweite nur selten so vollständig und kompakt in einem einzigen Band zugänglich gemacht wird.
Fazit
Avengers vs. X-Men ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Marvel-Event funktionieren kann, wenn Verlag und Kreativteam bereit sind, echten erzählerischen Mut zu zeigen. Die Konfrontation zwischen Captain America und Cyclops wirkt nie wie ein künstlich konstruierter Publicity-Kampf, sondern wie der folgerichtige Höhepunkt zweier fundamental unterschiedlicher Weltanschauungen, die beide ihre Berechtigung haben und deren Zusammenprall unausweichlich erscheint. Getragen von einem beeindruckenden Aufgebot an Star-Autoren wie Bendis, Brubaker, Aaron, Fraction und Hickman sowie Zeichnern wie Romita Jr., Kubert und Coipel liefert dieser Sammelband nicht nur spektakuläre Actionsequenzen, sondern auch einen der folgenreichsten und charakterlich konsequentesten Wendepunkte der jüngeren Marvel-Geschichte. Für alle, die dieses Kapitel noch nicht kennen, ist der vorliegende Band die ideale Gelegenheit, es in seiner vollständigen Form endlich nachzuholen, und für alle, die es bereits kennen, eine willkommene Möglichkeit, dem Event mit dem nötigen Sammelumfang erneut zu begegnen.