„They Are Still Being Shaken This Morning" Band 2 – Rezension
Eine Zuglinie voller unausgesprochener Gefühle
Es gibt Liebesgeschichten, die sich über Kontinente und Jahrzehnte erstrecken, und es gibt solche, die sich in den wenigen Minuten zwischen zwei Bahnhöfen abspielen. „They Are Still Being Shaken This Morning" gehört eindeutig zur zweiten Kategorie – und macht daraus eine der charmantesten Miniaturkomödien, die derzeit auf dem deutschen Manga-Markt zu finden sind. Panini legt mit Band 2 die Fortsetzung dieser herrlich absurden Pendler-Romanze vor, die bereits im ersten Band ihr Kernprinzip etabliert hat: Zwei Schüler, ein Zug, unendlich viele vertane Gelegenheiten. Was zunächst wie eine schmale Ausgangsidee wirkt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als überraschend tragfähiges Fundament für eine ganze Serie – und Band 2 beweist eindrucksvoll, dass diesem Konzept noch lange nicht die Luft ausgeht.
Der Titel selbst ist bereits Programm: „Sie werden auch heute Morgen noch erschüttert" verweist nicht nur auf das buchstäbliche Rütteln der Bahn, sondern ebenso auf den emotionalen Ausnahmezustand, in dem sich die beiden Hauptfiguren – und mit ihnen die mitfühlende Zuschauerschaft der Mitreisenden – tagtäglich befinden. Diese doppelte Bedeutungsebene zieht sich klug durch die gesamte Erzählung und verleiht dem eigentlich simplen Szenario eine überraschende sprachliche wie thematische Tiefe.
Die Ausgangslage: Stillstand als Spannungsmotor
Im Zentrum steht Hikoichi, der es inzwischen immerhin geschafft hat, den Namen des Mädchens in Erfahrung zu bringen, das ihm morgens um 6:58 Uhr am Bahnhof Sakuranomiya gegenübersteht. Ein greifbarer Fortschritt, könnte man meinen – und doch bleibt die eigentliche Annäherung auch in diesem Band aus. Die Serie lebt genau von dieser Diskrepanz zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich geschieht: nämlich beinahe nichts. Hikoichi hofft, plant, verwirft Pläne wieder und findet doch nie den passenden Moment. Diese bittersüße Ausgangslage wird von Kapitel zu Kapitel variiert, ohne dass sich das Grundproblem tatsächlich löst – und genau darin liegt die eigentliche erzählerische Raffinesse des Mangas.
Denn anders als in klassischen Rom-Coms, in denen ein Hindernis nach dem anderen aus dem Weg geräumt wird, um die beiden Figuren letztlich zusammenzuführen, zelebriert dieser Manga das Verharren selbst. Der Stillstand wird nicht als Mangel inszeniert, der behoben werden muss, sondern als eigenständige Quelle von Humor, Wärme und leiser Melancholie. Wer auf schnelle Fortschritte in der Beziehung der beiden hofft, wird enttäuscht – wer sich hingegen auf das Spiel mit der Erwartungshaltung einlässt, findet in Band 2 eine der unterhaltsamsten Interpretationen des Slow-Burn-Prinzips, die der Manga-Markt derzeit zu bieten hat.
Die Kunst des Nicht-Handelns als Komödienprinzip
Was diesen Manga so besonders macht, ist die Konsequenz, mit der er sein komödiantisches Konzept durchzieht. Anstatt die Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren nach wenigen Kapiteln aufzulösen, zelebriert die Geschichte das Zögern selbst als Quelle des Humors. Jeder verstohlene Blick, jede fast ergriffene Initiative, die im letzten Moment doch wieder verworfen wird, wird zu einer kleinen Miniatur-Tragikomödie. Die Mitfahrenden im Zug – ein wiederkehrendes Ensemble aus Nebenfiguren, die das Geschehen mit wachsender Anteilnahme verfolgen – fungieren dabei fast wie ein griechischer Chor, der die Absurdität der Situation kommentiert und zugleich die Leserschaft direkt anspricht: Auch wir werden Teil dieser stillschweigenden Fangemeinde, die auf den entscheidenden Schritt hofft.
Besonders gelungen ist dabei, wie der Manga die Perspektive innerhalb des Zugabteils immer wieder verschiebt. Mal folgen wir Hikoichis innerem Monolog, mal dem der Angebeteten, mal springt die Erzählung zu den umstehenden Fahrgästen, die das Geschehen mit Textnachrichten an Freunde kommentieren, mit angehaltenem Atem beobachten oder sich insgeheim ein eigenes kleines Wettbüro auf den Ausgang der morgendlichen Begegnung einrichten. Diese wechselnden Blickwinkel sorgen dafür, dass sich trotz der räumlichen Enge des Settings – ein einziger Zugwaggon, wenige Minuten Fahrzeit – niemals ein Gefühl von Monotonie einstellt.
Der zweite Band variiert dieses Grundmuster geschickt, ohne es zu verwässern. Neue kleine Zwischenfälle im Zugalltag – ein verpasster Blickkontakt hier, ein Missverständnis dort, eine unerwartete Verspätung, die den gewohnten Rhythmus durcheinanderbringt – sorgen dafür, dass die Wiederholung des Prinzips nicht ermüdet, sondern im Gegenteil immer neue komische Facetten freilegt. Die Mangaka versteht es, aus der eng begrenzten Kulisse eines Bahnwaggons eine erstaunliche erzählerische Vielfalt herauszuholen, die man dem schmalen Ausgangssetting zunächst kaum zutrauen würde.
Figurenzeichnung und emotionale Nuancen
Auch auf der Ebene der Charakterentwicklung tut sich in Band 2 einiges, wenn auch stets im gewohnt kleinschrittigen Tempo der Serie. Hikoichi wird als liebenswert tollpatschiger Protagonist gezeichnet, dessen Unsicherheit nie ins Lächerliche abrutscht, sondern stets nachvollziehbar bleibt. Seine innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst vor einer möglichen Zurückweisung wird mit spürbarer Empathie eingefangen. Auch das Mädchen, dessen Name inzwischen bekannt ist, erhält in diesem Band mehr erzählerischen Raum und eigene kleine Beweggründe, die sie aus einer reinen Objektfigur der Sehnsucht heraustreten lassen und zu einer gleichberechtigten Protagonistin der Geschichte machen.
Diese behutsame Ausweitung der Perspektive ist einer der klaren Fortschritte gegenüber dem ersten Band. Wo die Auftaktgeschichte noch stärker auf Hikoichis Sicht fokussiert war, öffnet sich Band 2 zunehmend für die Innenwelt beider Figuren, was der Beziehung – so wenig äußerlich auch tatsächlich passiert – eine zusätzliche emotionale Tiefe verleiht.
Zeichenstil und visuelle Umsetzung
Der Zeichenstil bleibt seinem reduzierten, aber ausdrucksstarken Ansatz treu. Gerade die Mimik der beiden Protagonisten – dieses charakteristische Wechselspiel aus Hoffnung, Panik und komischer Überforderung – trägt einen Großteil der humoristischen Wirkung. Kleine Details in der Körpersprache, ein leicht hochgezogener Mundwinkel, eine nervös zuckende Hand, ein Blick, der eine Sekunde zu lange auf dem Gegenüber verweilt, sagen oft mehr als die spärlichen Dialoge der Hauptfiguren. Die Nebenfiguren im Zugabteil sind mit sichtlicher Freude an individuellen Eigenheiten gezeichnet, was ihre Rolle als kommentierendes Publikum zusätzlich unterstreicht und dem Manga eine angenehm dichte Alltagsatmosphäre verleiht.
Auch das Seiten-Layout verdient Erwähnung: Die Mangaka nutzt geschickt unterschiedliche Panelgrößen, um die subjektiv empfundene Zeitdehnung in den entscheidenden Momenten spürbar zu machen. Wenn Hikoichi kurz davor ist, das Wort an sein Gegenüber zu richten, verlangsamt sich der Erzählrhythmus förmlich, während die hektische Betriebsamkeit des morgendlichen Berufsverkehrs im Hintergrund unverändert weiterläuft – ein cleverer visueller Kontrast, der die emotionale Ausnahmesituation der beiden zusätzlich betont.
Humor mit Herz
Was „They Are Still Being Shaken This Morning" letztlich von vergleichbaren Slice-of-Life-Comedys abhebt, ist die Wärme, mit der die Geschichte erzählt wird. Trotz aller komischen Überzeichnung wird nie auf Kosten der Figuren gelacht. Die Peinlichkeiten, die Hikoichi und sein Umfeld durchleben, sind stets liebevoll gezeichnet, niemals bloßstellend. Diese grundsätzlich wohlwollende Erzählhaltung macht die Lektüre zu einem angenehm entspannten Vergnügen, das trotz der wiederkehrenden Frustration der Hauptfiguren nie zynisch oder erschöpfend wirkt.
Fazit
Band 2 von „They Are Still Being Shaken This Morning" bestätigt, was der Auftakt bereits versprochen hat: Hier hat sich ein Manga gefunden, der aus einer denkbar simplen Prämisse ein herrlich eigenwilliges Komödien-Universum erschafft. Wer sich an der wiederholten Nicht-Annäherung zweier eigentlich sympathischer Figuren nicht stört, sondern gerade darin den Reiz erkennt, wird mit dieser Fortsetzung bestens bedient. Die behutsame Ausweitung der Perspektive auf beide Hauptfiguren, die geschickte Variation des Grundprinzips und der warmherzige, nie zynische Humor machen diesen zweiten Band zu einer runden und in sich stimmigen Fortsetzung. Eine warmherzige, leicht melancholische und zugleich sehr komische Slice-of-Life-Romanze, die beweist, dass die größten Gefühle manchmal in den kleinsten, unausgesprochenen Momenten stecken – und dass sich Warten, so quälend es für die Beteiligten auch sein mag, für das Publikum außerordentlich lohnt.