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Madden NFL 27 (PS5) – Der bislang überzeugendste Neustart der Serie


Geschichte der Reihe


Die Geschichte der Madden-Reihe beginnt weit vor der heutigen PlayStation-Ära, nämlich im Jahr 1988, als Electronic Arts mit "John Madden Football" für den Apple II ein Footballspiel veröffentlichte, das den Namen des legendären NFL-Trainers und späteren TV-Kommentators John Madden trug. Madden selbst bestand seinerzeit ausdrücklich darauf, dass das Spiel möglichst realistisch mit elf gegen elf Spielern funktionieren sollte, eine Forderung, die für die damalige Technik eine enorme Herausforderung darstellte und zugleich den Grundstein für den bis heute gültigen Simulationsanspruch der Serie legte. Über die folgenden Konsolengenerationen hinweg wandelte sich Madden Schritt für Schritt vom rasanten Arcade-Titel zu einer immer detailverliebteren Nachbildung des amerikanischen Profifootballs. Einen echten Wendepunkt markierte das Jahr 2005, als sich EA Sports die exklusiven Lizenzrechte an der NFL sicherte und damit zum unangefochtenen Alleinherrscher im Bereich der Football-Simulationen wurde – ein Status, den die Marke seither ununterbrochen verteidigt. Mit "Madden NFL 27", dem inzwischen 37. Hauptteil der Serie, unternimmt Entwicklerstudio EA Orlando nun einen der ambitioniertesten Anläufe der letzten Dekade, um der Serie über den reinen jährlichen Rosterwechsel hinaus spürbar neues Leben einzuhauchen. Titelgesicht ist in diesem Jahr Caleb Williams, aufstrebender Quarterback der Chicago Bears, dessen eigener rasanter Aufstieg in der Liga passenderweise auch thematisch zum Herzstück dieser Ausgabe passt.


Ein würdiges Jubiläumsgefühl


Schon nach den ersten Stunden wird deutlich: Madden NFL 27 tritt selbstbewusster auf als seine unmittelbaren Vorgänger. Von der ersten Einlaufanimation an vermittelt das Spiel eine Präsenz, die der Serie in den letzten Jahren mitunter gefehlt hat. Die Mimik der Athleten, der tosende Stadionlärm, das geschäftige Treiben der Trainerstäbe an der Seitenlinie – all das fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen, das sich streckenweise tatsächlich wie eine waschechte NFL-Übertragung anfühlt. Diese Sorgfalt bei der Präsentation ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Entwicklungsphilosophie, die in diesem Jahr konsequent auf Tiefe statt auf bloße Kosmetik setzt, und genau das spürt man in praktisch jedem Bereich des Spiels.


Die Persona Engine: Der große Wurf im Franchise-Modus


Das mit Abstand aufregendste Versprechen von Madden NFL 27 betrifft den Franchise-Modus, der jahrelang vor allem für seine Statik und seinen reinen Verwaltungscharakter kritisiert wurde. Mit der brandneuen Persona Engine gelingt EA Orlando hier ein spürbarer und lange überfälliger Befreiungsschlag. Über 65 unterschiedliche Persona-DNA-Typen verleihen jedem einzelnen Spieler der Liga eine eigene, glaubwürdige Persönlichkeit, die sich unmittelbar auf Vertragsverhandlungen, Free-Agency-Entscheidungen, Kabinenchemie und sogar spontane Wechselwünsche auswirkt. Ergänzt wird dieses System durch sogenannte Emergent Actions, wöchentlich auftretende Ereignisse, die aktive Entscheidungen verlangen, etwa im Umgang mit unzufriedenen Leistungsträgern, die einen neuen Vertrag fordern, oder mit Spielern, die offen einen Wechsel anstreben. Das Ergebnis ist ein Franchise-Erlebnis, das sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit tatsächlich lebendig anfühlt: Eine enttäuschende Saison führt organisch zu einem Umbruch, ein spät gedrafteter Rookie wächst über sich hinaus und avanciert zum Star, ein enger Salary-Cap-Spielraum zwingt zu schmerzhaften, aber nachvollziehbaren Entscheidungen. Genau diese Art von emergenter Erzählung, die sich aus dem System selbst ergibt statt vorgeschrieben zu werden, war es, was der Serie all die Jahre gefehlt hat, und mit der Persona Engine ist EA Orlando hier ein wirklich großer Schritt gelungen, dessen volles Potenzial sich über viele Spielstunden und mehrere simulierte Saisons hinweg immer eindrucksvoller entfaltet.


Spielgefühl: Präziser, dynamischer, fordernder


Auch auf dem Feld selbst hat sich EA Orlando in diesem Jahr keineswegs mit halben Sachen zufriedengegeben. Besonders das Zusammenspiel zwischen Receivern und Defensive Backs wurde von Grund auf überarbeitet: Neue Animationen für Handkampf, Körperblocking und cleveres Freilaufen sorgen für spürbar dynamischere und unberechenbarere Duelle im Passspiel. Herzstück dieser Neuerung ist eine frische, timingbasierte Fangmechanik, bei der das Loslassen des Fangknopfs im richtigen Moment eines eingeblendeten Meters einen echten Vorteil gegenüber der Verteidigung verschafft. Dieses Prinzip, das entfernt an Timing-Mechaniken aus Basketballspielen erinnert, verleiht dem Passspiel eine völlig neue taktile Qualität und macht aus jedem großen Wurf ein kleines, spannendes Duell zwischen zwei Spielerinnen oder Spielern. Wer sich intensiver mit der Mechanik auseinandersetzt, wird mit einer spürbar größeren Kontrolle über entscheidende Spielsituationen belohnt, ohne dass Einsteiger dabei komplett abgehängt werden. Ebenso überzeugend fällt die Überarbeitung der Kurzyardage-Situationen aus, inklusive einer eigens ausgearbeiteten Umsetzung des mittlerweile aus der echten NFL bekannten Quarterback-Sneak-Manövers "Tush Push". Auf der Defensivseite berichten zahlreiche Stimmen der internationalen Fachpresse übereinstimmend von einer klar verbesserten Zonenverteidigung, die Passempfänger deutlich konsequenter im eigenen Verantwortungsbereich verfolgt, wodurch defensive Spielzüge insgesamt nachvollziehbarer und verlässlicher wirken. Gepaart mit saubereren, mit weniger Tastendrücken auszuführenden Vorsnap-Anpassungen und einem dynamischen Wettersystem, das sich nun auch im Verlauf einer einzelnen Partie ändern und etwa durch einsetzenden Regen die Bodenhaftung beeinflussen kann, ergibt sich ein Gameplay-Fundament, das sich rundum durchdacht und spürbar weiterentwickelt anfühlt.


Superstar und die G.O.A.T. Career Journey


Auch der Karrieremodus Superstar bekommt in diesem Jahr mit der neuen G.O.A.T. Career Journey deutlich mehr erzählerisches Gewicht verliehen. Der Werdegang der eigenen Spielfigur wird ambitionierter inszeniert als in den Vorjahren, mit dem klaren Ziel, den Weg vom unbeschriebenen Blatt bis zur Football-Legende glaubwürdiger nachzuzeichnen. Wer sich schon immer gewünscht hat, den eigenen Aufstieg vom College-Talent bis zum Hall-of-Fame-Kandidaten hautnah mitzuerleben, findet hier deutlich mehr erzählerische Substanz als noch in den letzten Ausgaben, auch wenn hier im Vergleich zur Franchise-Überarbeitung erkennbar noch etwas Luft nach oben bleibt.


Ultimate Team mit spannenden neuen Systemen


Der beliebte Sammelkartenmodus Ultimate Team erhält mit dem sogenannten Evolutions-System eine der umfangreichsten Überarbeitungen seiner Geschichte. Ähnlich wie in vergleichbaren Systemen anderer moderner Sportspiele lassen sich Spielerkarten nun gezielt weiterentwickeln, eigene Captains bestimmen und durch das Erfüllen individueller Zielvorgaben sukzessive aufwerten. Für alle, die gerne langfristig an ihrem Team feilen und Synergien zwischen einzelnen Karten ausprobieren, bietet dieses System ein angenehm tiefes Spielerlebnis mit echtem Sammel- und Aufbaureiz, das motiviert, immer wieder neue Kombinationen auszuprobieren und die eigene Kartensammlung stetig weiterzuentwickeln.


Präsentation und technische Umsetzung


In puncto audiovisueller Präsentation gehört Madden NFL 27 zweifellos zu den stärksten Auftritten, die die Serie je abgeliefert hat. Unterschiedliche Score-Bug-Designs für die Sonntagsübertragungen sowie für die drei Primetime-Slots am Donnerstag-, Sonntag- und Montagabend, samt wählbarer Kommentatorenteams, unterstreichen eindrucksvoll den Anspruch, so nah wie möglich an eine echte TV-Übertragung heranzureichen. Auf der PlayStation 5 läuft das Spiel dabei angenehm reaktionsschnell und flüssig, auch die Menüführung, insbesondere im runderneuerten Franchise-Bereich, wirkt deutlich aufgeräumter, moderner und übersichtlicher als in den vergangenen Jahren. Für ein jährlich erscheinendes Sportspiel ist das technische Gesamtpaket bemerkenswert rund, auch wenn vereinzelt noch kleinere, altbekannte Macken auftreten können, die dem großen Gesamteindruck jedoch kaum etwas anhaben.


Fazit


Madden NFL 27 ist der mit Abstand überzeugendste und mutigste Schritt, den die Serie seit vielen Jahren gewagt hat. Mit der Persona Engine bekommt der Franchise-Modus endlich jene Persönlichkeit, Dynamik und Unberechenbarkeit, die ihm über lange Zeit gefehlt hat, und macht damit aus einer reinen Zahlen- und Verwaltungsübung ein waschechtes, mitreißendes Erzählerlebnis. Die überarbeitete Passmechanik und die spürbar verbesserten Duelle zwischen Receivern und Defensive Backs verleihen dem Geschehen auf dem Feld eine taktile Qualität, die dem Kern des Spiels sichtlich guttut, während Superstar und Ultimate Team mit frischen Ideen ebenfalls klar an Substanz gewinnen. Untermalt von einer der bislang stärksten Präsentationen der Serie und einer spürbar durchdachten technischen Basis auf der PlayStation 5 ist Madden NFL 27 nicht einfach nur ein weiteres jährliches Update, sondern ein Titel, der ernsthaft daran arbeitet, seinem eigenen Anspruch als führende Football-Simulation gerecht zu werden – und dabei in den allermeisten Bereichen eindrucksvoll gelingt. Wer der Serie zuletzt den Rücken gekehrt hatte, findet hier den bislang besten Grund seit vielen Jahren, wieder einzusteigen.