Spider-Man: Die Graphic Novel Collection – Vier Zeitreisen durch die Marvel-Geschichte des Netzschwingers


Mit „Spider-Man: Die Graphic Novel Collection" legt Panini einen Sammelband vor, der sich bewusst abseits der monatlichen Heftserien bewegt und stattdessen vier eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichten aus den sogenannten Marvel Graphic Novels versammelt. Diese Reihe, die Marvel in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren als Format für größere, aufwendigere Erzählungen etablierte, bot Autoren und Zeichnern deutlich mehr erzählerischen Raum als das klassische Heftformat – und genau diese Freiheit ist den hier gesammelten Geschichten in jeder Hinsicht anzumerken.


Hooky: Wenn Stan Lee persönlich die Fäden zieht


Den Auftakt macht „Hooky" aus dem Jahr 1986, eine Geschichte, an deren Entstehung mit Stan Lee höchstpersönlich eine der zentralen Figuren der Marvel-Geschichte beteiligt war. Gemeinsam mit Gerry Conway, der als einer der prägendsten Autoren an Spider-Mans Vergangenheit mitgeschrieben hat, und Zeichner Ross Andru entwirft Lee eine Geschichte, die den Wandkrabbler gemeinsam mit Silver Sable auf eine geheime Mission nach Deutschland schickt. Andrus Zeichenstil, der sich bereits in den regulären Amazing-Spider-Man-Heften der 1970er-Jahre einen Namen gemacht hatte, verleiht dieser Geschichte eine dynamische, bewegungsintensive Optik, die dem actionreichen Spionage-Plot bestens zu Gesicht steht.


Parallel Lives: Eine Liebesgeschichte im Zentrum des Mythos


Mit „Parallel Lives" aus dem Jahr 1989 wendet sich Gerry Conway, diesmal gemeinsam mit Zeichner Alex Saviuk, einem deutlich intimeren Thema zu: der Geschichte und Entwicklung der Beziehung zwischen Peter Parker und Mary Jane Watson. Statt auf große Superschurken-Konfrontationen zu setzen, blickt diese Geschichte zurück auf die gemeinsame Vergangenheit der beiden Figuren und beleuchtet, wie sich aus einer anfänglich unverbindlichen Bekanntschaft eine der zentralen Beziehungen im Spider-Man-Kosmos entwickelte. Saviuks Zeichenstil, ruhiger und weniger actionorientiert als der von Andru, passt sich dieser introspektiveren Erzählweise angenehm an.


Spirits of the Earth: Horror-Legende trifft Netzschwinger


Deutlich düsterer wird es in „Spirits of the Earth" von 1990, für das Romanautorin Susan K. Putney das Skript beisteuerte, während die Illustrationen aus der Feder von Bernie Wrightson stammen – einem Zeichner, dessen Name untrennbar mit dem Horror-Genre verbunden ist und der unter anderem als Mitschöpfer von Swamp Thing gilt. Wrightsons unverkennbarer, morbid-detailverliebter Stil verleiht dieser Geschichte, in der Spider-Man mit einer Welt voller Magie und Monster konfrontiert wird, eine Atmosphäre, die sich deutlich von den beiden vorangegangenen, eher klassisch superheldenhaften Erzählungen abhebt. Gerade Fans des klassischen Horror-Comics dürfte dieser Beitrag als besonderes Highlight des Sammelbandes in Erinnerung bleiben.


Fear Itself: Flitterwochen in schottischer Fantasy-Kulisse


Den Abschluss bildet „Fear Itself" aus dem Jahr 1992, bei dem Fantasy-Zeichner Charles Vess das Ehepaar Peter und Mary Jane auf verspätete Flitterwochen nach Schottland schickt. Vess, der sich vor allem durch seine Arbeiten im Fantasy-Genre einen Namen gemacht hat, etwa in Zusammenarbeit mit Neil Gaiman, bringt seinen unverwechselbaren, von Märchen- und Sagenmotiven durchdrungenen Zeichenstil in diese Geschichte ein und schafft damit eine visuell völlig eigenständige Atmosphäre, die den Band auf stimmungsvolle Weise beschließt. Die Verbindung aus schottischer Landschaftsromantik und klassischer Fantasy-Bedrohung macht diese Geschichte zu einem ungewöhnlichen, aber überaus reizvollen Kontrastpunkt zu den vorangegangenen Beiträgen.


Ein Sammelband für Kenner der Spider-Man-Geschichte


Was diese vier Geschichten trotz ihrer unterschiedlichen Tonalitäten und Zeichenstile eint, ist der Umstand, dass sie allesamt außerhalb der regulären Kontinuität der monatlichen Serien entstanden sind und den beteiligten Künstlern dadurch erzählerische Freiheiten einräumten, die im engen Korsett des Heftformats kaum möglich gewesen wären. Gerade die Bandbreite der beteiligten Künstler, von Marvel-Urgestein Stan Lee über Horror-Ikone Bernie Wrightson bis hin zu Fantasy-Spezialist Charles Vess, macht diesen Sammelband zu einem Dokument der stilistischen Vielfalt, die das Spider-Man-Universum jenseits der bekannten Heftserien hervorgebracht hat. Für Sammler, die sich für die Geschichte des Charakters abseits der ausgetretenen Pfade interessieren, dürfte dieser Band eine willkommene Ergänzung ihrer Sammlung darstellen.


Ausstattung


Panini präsentiert die vier Geschichten in einer stabilen, hochwertig verarbeiteten Sammelband-Ausgabe, die dem besonderen Status dieser Originalgeschichten gerecht wird. Die Druckqualität setzt sowohl die kräftigen, actionorientierten Bilder Ross Andrus als auch die feinteiligen, atmosphärischen Illustrationen Bernie Wrightsons und Charles Vess' angemessen in Szene, sodass die stilistischen Unterschiede der vier Beiträge klar zur Geltung kommen.


Fazit


„Spider-Man: Die Graphic Novel Collection" ist ein gelungenes Zeitdokument, das vier eigenständige, in Ton und Stil höchst unterschiedliche Geschichten aus einer prägenden Phase der Marvel-Verlagsgeschichte zusammenführt. Von der spionagelastigen Deutschland-Mission über die intime Liebesgeschichte und den morbiden Horror-Trip bis hin zur schottischen Fantasy-Reise bietet dieser Band eine bemerkenswerte Bandbreite, die zeigt, wie vielseitig der Charakter Spider-Man auch abseits der klassischen Superschurken-Konfrontationen eingesetzt werden kann. Wer sich für die Geschichte des Charakters und die Arbeit der beteiligten Künstlerlegenden interessiert, erhält hier eine lohnende und liebevoll aufgemachte Sammlung.