Pinocchio: Unstrung – Wenn der Traum vom Menschsein zum blutigen Alptraum wird


Kaum eine Fabel des klassischen Kinderbuchkanons hat sich in den vergangenen Jahren als derart wandelbar erwiesen wie die Geschichte um Carlo Collodis hölzerne Marionette. Nach den Erfolgen von „Winnie the Pooh: Blood and Honey" wagt sich Regisseur Rhys Frake-Waterfield nun an einen der bekanntesten Stoffe der Kinderliteratur überhaupt und lässt Pinocchio als fünften Baustein seines „Twisted Childhood Universe" zu grausigem Leben erwachen. Plaion Pictures bringt „Pinocchio: Unstrung" nun auf Blu-ray in den deutschen Heimkinomarkt.


Der Wunsch, ein echter Junge zu sein


Im Zentrum der Handlung steht erneut die uralte Sehnsucht der von Geppetto erschaffenen Puppe, endlich ein echter Junge zu werden. Doch wo Disney einst auf Rührung und moralische Läuterung setzte, treibt Frake-Waterfield diesen Wunsch konsequent ins Monströse: Getrieben von verzweifelter Sehnsucht glaubt die Kreatur, dass ihr nur gestohlenes Fleisch und Blut den ersehnten Wandel bringen könnten, und beginnt, sich Stück für Stück in einen echten Jungen zu verwandeln – auf Kosten all jener, die ihr im Weg stehen. Befeuert wird dieses Unheil von der sprechenden Grille, die einst als Pinocchios Gewissen fungierte, nun aber eigene, weitaus dunklere Ziele verfolgt und die Marionette gezielt in ihren Wahn hineintreibt. So verkehrt sich der ursprünglich rührende Wunsch nach Zugehörigkeit in einen blutigen Feldzug, der sich, wie es für die Reihe typisch ist, in den Gemäuern einer noblen Londoner Privatschule entlädt.
Ein Ensemble aus Horror-Veteranen


Dass sich Frake-Waterfield mit seinem wachsenden Budget zunehmend prominentere Besetzung leisten kann, zeigt sich deutlich am Cast. Horror-Ikone Robert Englund, dem Publikum seit Jahrzehnten als Freddy Krueger aus „A Nightmare on Elm Street" ein Begriff, leiht der Grille seine unverwechselbare, rau-melodische Stimme und verzichtet damit bewusst auf körperlich anstrengende Dreharbeiten – eine Entscheidung, die dem inzwischen betagten Schauspieler die Teilnahme überhaupt erst ermöglichte, ohne dass seine schauspielerische Präsenz darunter leidet. Ihm zur Seite steht Richard Brake, bekannt als langjähriger Weggefährte von Rob Zombie und aus Filmen wie „Barbarian", der der Figur des Geppetto eine unerwartete Tragik verleiht: Sein Vater ist kein bloßer Handwerker, sondern ein Mann, der im Angesicht des von ihm selbst geschaffenen Grauens zerbricht. Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass für die Pinocchio-Puppe selbst auf handgemachte Animatronic-Technik gesetzt wurde, entwickelt vom Team, das zuvor bereits der Mörderpuppe Chucky neues Leben eingehaucht hatte. Diese Entscheidung für praktische statt digitale Effekte zahlt sich sichtbar aus: Die hölzerne Gliederpuppe wirkt in ihren Bewegungen unheimlich echt und verleiht dem Film gerade in seinen blutigsten Momenten eine physische Präsenz, die computergenerierte Kreaturen selten erreichen.


Bild, Ton und technische Präsentation


Die Blu-ray-Fassung von Plaion Pictures präsentiert den Film in technisch solider Qualität, die den handwerklich aufwendigen Praktikeffekten und der bewusst düster gehaltenen Bildsprache gerecht wird. Gerade die Sequenzen in den schummrigen Gängen und Kellergewölben der Schule profitieren von einem stabilen Schwarzwert, während die blutigen Spitzen der Inszenierung mit sattem Rot und schonungsloser Schärfe in Szene gesetzt werden. Tonlich sorgt der Score von Andrew Scott Bell für die notwendige unheilvolle Grundierung, die zwischen schaurigem Ernst und der dem Twisted-Childhood-Universum eigenen campigen Übertreibung changiert.


Umfangreiches Bonusmaterial


Wer sich für die Entstehung dieses ungewöhnlichen Horrorprojekts interessiert, wird von der Ausstattung der Scheibe nicht enttäuscht. Ein Audiokommentar von Regisseur Rhys Frake-Waterfield gemeinsam mit Kameramann Vince Knight gewährt tiefe Einblicke in die Produktionsentscheidungen und dürfte gerade für Fans des Twisted-Childhood-Franchise aufschlussreich sein. Ergänzt wird dies durch ein ausführliches Making-of sowie eine entfernte Szene, die einen Blick auf ursprünglich verworfenes Material erlaubt. Besonders reizvoll erscheinen die beiden thematischen Featurettes zur Entstehung von Pinocchio und zur Entstehung der Grille Cricket, die vermutlich detailliert auf die aufwendige Animatronic- und Stimmarbeit eingehen. Als originelles Extra sticht zudem ein fiktives Interview mit der Titelfigur selbst hervor, das dem morbiden Humor der Reihe treu bleibt. Abgerundet wird das Paket durch Promo-Material, den Trailer sowie eine Bildergalerie, sodass Sammler und Genrefans hier ein rundum ansprechendes Bonusprogramm vorfinden.


Fazit


„Pinocchio: Unstrung" nimmt sich vor, aus einer der zartesten Kindergeschichten einen kompromisslosen Slasher zu destillieren, und löst dieses Versprechen dank eines überraschend prominenten Casts und liebevoll gearbeiteter Praktikeffekte weitgehend ein. Wer dem Twisted-Childhood-Konzept mit seiner Mischung aus Blut, Trash und schwarzem Humor bereits etwas abgewinnen konnte, findet hier eine gelungene Fortsetzung dieser Reihe – nicht zuletzt dank eines Bonusmaterials, das dem Sammlerherz keine Wünsche offenlässt.