Verflucht normal – Eine Geschichte von Wut, Würde und einem unerwarteten Zuhause


Dass die Queen ausgerechnet ein einstiges „Problemkind" mit dem Orden des British Empire auszeichnen würde, hätte niemand erwartet – am wenigsten John Davidson selbst. Mit dieser verblüffenden Pointe eröffnet Regisseur Kirk Jones sein neues Werk und nimmt das Publikum sogleich mit auf eine Reise durch das Leben eines Mannes, dessen Geschichte weit mehr zu bieten hat als die übliche Dramaturgie des Überwindens. „Verflucht normal", im Original schlicht „I Swear" betitelt, erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Lebensgeschichte des schottischen Tourette-Aktivisten John Davidson und erscheint am 11. September bei Leonine auf Blu-ray.


Galashiels, Anfang der Achtziger


Die Handlung beginnt in der südostschottischen Kleinstadt Galashiels, wo der zwölfjährige John – gespielt vom jungen Scott Ellis Watson – als Torwarttalent seines Fußballvereins der ganze Stolz seines Vaters ist. Sein Leben scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen, bis erste motorische Störungen und unwillkürliche verbale Ausbrüche auftreten, für die weder er noch sein Umfeld eine Erklärung finden. Der Film schildert eindringlich, wie eine Familie und eine ganze Gemeinschaft mit etwas konfrontiert werden, für das ihnen jedes Verständnis fehlt: Statt medizinischer Hilfe erfährt der Junge Ermahnung, Spott und Bestrafung. Erst Jahre später wird das, was ihn plagt, offiziell als Tourette-Syndrom diagnostiziert – zu einer Zeit, in der die Erkrankung selbst in Fachkreisen noch weitgehend unbekannt war und in Deutschland erst 1985 überhaupt als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt wurde.


Rund fünfzehn Jahre später hat sich an Johns Situation kaum etwas gebessert. Nun von Robert Aramayo verkörpert, lebt der junge Mann Mitte zwanzig immer noch bei seiner Mutter, dargestellt von Shirley Henderson, und kämpft mit den lähmenden Nebenwirkungen der starken Medikamente, die ihm verschrieben wurden. Aramayo gelingt es dabei bemerkenswert, die Tics nicht als bloßes Schauspielerkunststück vorzuführen, sondern als integralen, mal komischen, mal schmerzhaften Bestandteil einer Persönlichkeit zu zeigen, die sich trotz allem nicht verbiegen lässt.


Die Familie, die man sich aussucht


Den entscheidenden Wendepunkt der Geschichte markiert die Begegnung mit seinem früheren Schulfreund Murray und dessen Mutter Dottie. Maxine Peake spielt diese Krankenschwester mit einer Wärme und Direktheit, die dem Film seine emotionale Mitte gibt: Dottie begegnet John nicht mit Mitleid, sondern mit echtem Respekt, verbietet ihm sogar, sich für Dinge zu entschuldigen, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, und nimmt ihn kurzerhand in ihre Familie auf. Über sie erhält John schließlich eine Anstellung im örtlichen Gemeindezentrum, als Assistent des Hausmeisters Tommy Trotter. Peter Mullan, einer der verlässlichsten Charakterdarsteller des britischen Kinos, verleiht dieser Figur eine trockene, unprätentiöse Herzlichkeit – ein legendär schräges Vorstellungsgespräch zwischen den beiden Männern gehört zu den Szenen, in denen der Film seine tragikomische Balance am überzeugendsten trifft. Aus dieser Freundschaft erwächst nach und nach die Idee, dass John seine Erfahrungen nutzen könnte, um anderen Betroffenen zu helfen – ein Gedanke, der ihn schließlich zu jenem öffentlichen Aufklärer werden lässt, für dessen Lebenswerk ihm 2019 tatsächlich die reale Königin die Mitgliedschaft im Order of the British Empire verlieh.


Kirk Jones, der bereits mit Filmen wie „Nanny McPhee" und „Waking Ned Devine" bewiesen hat, dass er warmherzige Geschichten ohne aufgesetzte Sentimentalität erzählen kann, balanciert auch hier geschickt zwischen Humor und Ernst. Dass John Davidson selbst als ausführender Produzent am Film beteiligt war und das Team monatelang beraten hat, merkt man der Inszenierung an: Sie nimmt die Tics nie zum Anlass für billige Pointen auf Kosten der Figur, sondern lässt sie als das erscheinen, was sie sind – Symptome einer Krankheit, keine Behinderung des Menschen dahinter. Bezeichnenderweise entsteht der eigentliche Leidensdruck im Film weniger aus den Tics selbst als aus den ablehnenden, verständnislosen Reaktionen der Umwelt, ein Aspekt, den Jones' Drehbuch klug herausarbeitet.


Bild und Ton auf der Scheibe


Für die deutsche Heimkinoauswertung hat Leonine die Blu-ray mit deutschem und englischem Ton in DTS-HD Master Audio 5.1 ausgestattet, was der von diskreter Kameraarbeit und unaufdringlicher Musikuntermalung geprägten Inszenierung gerecht wird. Die ruhige, oft in warmen, leicht ausgeblichenen Tönen gehaltene Bildsprache, mit der Kameramann und Regisseur die schottische Provinz der Achtziger- und Neunzigerjahre einfangen, kommt in ordentlicher Bildqualität zur Geltung, ohne dass hier technische Superlative zu erwarten wären – das Werk selbst ist ohnehin eher leise als spektakulär angelegt.


Fazit


„Verflucht normal" ist ein Film, der sein ehrenwertes Anliegen nie zur Last werden lässt. Statt in Rührseligkeit oder erhobenem Zeigefinger zu versinken, erzählt Kirk Jones die Geschichte John Davidsons als mitreißende, warmherzige Tragikomödie, getragen von einem hervorragenden Ensemble um Robert Aramayo, Maxine Peake und Peter Mullan. Wer sich von einem etwas zurückhaltenden Bonusangebot nicht abschrecken lässt, bekommt mit dieser Blu-ray ein Stück Kino, das seine Botschaft nie predigt, sondern einfach erzählt – und gerade dadurch umso mehr berührt.