Happy Valley – In einer kleinen Stadt: Die letzte Fahrt nach Halifax
Es gibt Serienfinale, die sich wie eine Pflichtübung anfühlen, und es gibt Serienfinale, die sich anfühlen, als hätte man nie wirklich weggeschaut. Die dritte und letzte Staffel von "Happy Valley – In einer kleinen Stadt" gehört klar zur zweiten Kategorie. Sieben Jahre nach der zweiten Staffel kehrt Sally Wainwrights preisgekröntes britisches Polizeidrama zurück in die triste, regennasse Kleinstadt Halifax in West Yorkshire – und liefert einen Abschluss, der sich seiner eigenen Geschichte in jeder Minute bewusst ist, ohne sich je in nostalgischer Selbstbeweihräucherung zu verlieren. Polyband bringt diese finale Staffel nun auf Blu-ray in den deutschen Handel und schließt damit eine der konsequentesten und bittersten Erzählungen des modernen britischen Fernsehens ab.
Eine letzte Konfrontation
Die Ausgangslage klingt zunächst nach einem klassischen Krimi-Plot: Als Polizeisergeant Catherine Cawood die sterblichen Überreste eines Opfers findet, das offenbar einem Gangstermord zum Opfer fiel, gerät ein Ermittlungsstrang ins Rollen, der sie unweigerlich wieder mit Tommy Lee Royce konfrontiert – jenem Mann, der einst ihre Tochter vergewaltigte, in den Suizid trieb und damit den Kern der gesamten Serie bildet. Doch "Happy Valley" wäre nicht "Happy Valley", würde die Serie es bei diesem Kriminalfall belassen. Viel zentraler ist die emotionale Zeitbombe, die längst tickt: Catherines Enkel Ryan ist inzwischen sechzehn Jahre alt und beginnt, eigene Vorstellungen davon zu entwickeln, welche Beziehung er zu seinem leiblichen Vater führen möchte – zu einem Mann, den seine Großmutter niemals als das anerkennen wird, was er biologisch ist. Kurz vor ihrem wohlverdienten Ruhestand droht Catherine damit noch einmal in genau den Strudel aus Gewalt, Verdrängung und ungelöstem Trauma gezogen zu werden, dem sie so lange zu entkommen versuchte. Halifax, das nie wirklich zur Ruhe kam, steht damit ein letztes Mal vor dem Abgrund.
Was diese Staffel so bemerkenswert macht, ist die Geduld, mit der Sally Wainwright ihre Geschichte entfaltet. Statt auf schnelle Cliffhanger und plakative Spannungsmomente zu setzen, interessiert sich die Serie für die langsame Erosion von Beziehungen, für die Art, wie Trauma über Generationen weitergegeben wird, und für die Frage, ob echte Vergebung überhaupt möglich ist, wenn das, was vergeben werden soll, so monströs bleibt. Die Kleinstadt selbst – grau, verregnet, von wirtschaftlicher Tristesse gezeichnet – fungiert dabei nicht bloß als Kulisse, sondern als eigener Charakter, der die Enge und Ausweglosigkeit der Handlung förmlich spürbar macht.
Sarah Lancashire als Catherine Cawood
Im Zentrum der Serie steht seit jeher Sarah Lancashire, die mit der Rolle der Catherine Cawood ihre wohl prägendste Fernsehfigur geschaffen hat. Lancashire, die sich einem breiteren britischen Publikum bereits durch Serien wie "Coronation Street" und "Last Tango in Halifax" empfahl, verkörpert Catherine mit einer Mischung aus schroffer Direktheit, trockenem Humor und einer unter der Oberfläche brodelnden Wut, die selten explodiert, aber immer spürbar bleibt. Ihre Catherine ist keine Actionheldin im klassischen Sinne, sondern eine erschöpfte, von Verlust gezeichnete Frau, die ihren Job mit einer Mischung aus Pflichtgefühl und trotzigem Überlebenswillen erledigt. Für ihre Darstellung wurde Lancashire nicht nur 2017 für Staffel zwei, sondern nun auch für diese finale Staffel erneut mit dem BAFTA als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet – ein seltener Fall, in dem eine Schauspielerin für dieselbe Rolle über einen derart langen Zeitraum hinweg gewürdigt wird, und ein Beleg dafür, wie konsequent sie diese Figur über drei Staffeln hinweg weiterentwickelt hat, ohne sie je zu verraten.
James Norton als Tommy Lee Royce
Als Gegenspieler kehrt James Norton als Tommy Lee Royce zurück, eine Rolle, die seine Karriere maßgeblich prägte und ihn weit über das britische Fernsehen hinaus bekannt machte. Norton, der später unter anderem in "Grantchester" und "McMafia" zu sehen war, gelingt mit Tommy eine der unangenehmsten und zugleich komplexesten Antagonisten-Darstellungen der letzten Jahre. Was seine Leistung so bemerkenswert macht, ist die Weigerung, Tommy zu einem eindimensionalen Monster zu reduzieren. Stattdessen zeigt Norton einen Mann, der sich selbst als Opfer der Umstände sieht, der um die Liebe seines Sohnes wirbt und dabei doch nie die Kontrolle, Manipulation und Gewaltbereitschaft ablegt, die ihn ausmachen. Diese Ambivalenz macht Tommy so beunruhigend – und Nortons Darstellung wurde folgerichtig mit dem Crime Thriller Award gewürdigt.
Siobhan Finneran als Clare Cartwright
Als dritte tragende Säule der Serie fungiert Siobhan Finneran in der Rolle von Clare Cartwright, Catherines Schwester. Finneran, bekannt geworden unter anderem durch "Downton Abbey" sowie ihre langjährige Zusammenarbeit mit Sally Wainwright, verleiht Clare eine leise, aber enorm wichtige Gegenstimme zu Catherines Härte. Als ehemals suchtkranke Frau, die sich mühsam ein stabiles Leben aufgebaut hat, bringt sie eine andere Perspektive auf Vergebung, Schuld und familiären Zusammenhalt ein. Das Zusammenspiel zwischen Lancashire und Finneran gehört zu den emotional dichtesten Momenten der gesamten Serie, weil es zwei Frauen zeigt, die trotz gegensätzlicher Lebenswege durch eine tiefe, unausgesprochene Loyalität verbunden bleiben.
Sally Wainwright und ihr preisgekröntes Werk
Die kreative Handschrift hinter all dem trägt Sally Wainwright, die nicht nur als Erfinderin, sondern auch als Autorin nahezu aller Episoden fungiert. Wainwright, die sich bereits mit Serien wie "Last Tango in Halifax" und "Gentleman Jack" einen Namen als eine der profiliertesten Erzählerinnen des britischen Fernsehens gemacht hat, bringt in "Happy Valley" ihre Vorliebe für komplexe weibliche Figuren und ihre unverkennbare Verwurzelung in Yorkshire zusammen. Ihr Drehbuch wurde für jede der drei Staffeln – 2015, 2017 und nun 2024 – mit dem BAFTA ausgezeichnet, eine Konstanz, die im britischen Fernsehen ihresgleichen sucht. Auch der "denkwürdigste TV-Moment" des Jahres 2024 ging auf das Konto dieser finalen Staffel, ein Beleg dafür, wie sehr das Serienende ins kollektive Gedächtnis des britischen Publikums eingebrannt ist. Insgesamt kann die Serie auf acht BAFTA Awards sowie zwei National Television Awards für Lancashire zurückblicken – eine Auszeichnungsdichte, die die kulturelle Bedeutung von "Happy Valley" eindrücklich unterstreicht.
Verpackung und technische Präsentation
Polyband präsentiert die finale Staffel in gewohnt unaufgeregter, aber solider Aufmachung. Die Blu-ray-Veröffentlichung verzichtet auf aufwendige Sonderverpackungen und setzt stattdessen auf eine klare, funktionale Präsentation, die dem nüchternen, erdigen Charakter der Serie selbst nicht unähnlich ist. Bild und Ton entsprechen dem, was man von einer aktuellen britischen Fernsehproduktion erwarten darf: Die Bildqualität gibt die kühle, oft diesige Farbpalette der Yorkshire-Landschaften originalgetreu wieder, ohne die für die Serie so charakteristische visuelle Tristesse zu beschönigen. Der Ton transportiert sowohl die knappen, oft im Dialekt gehaltenen Dialoge als auch die zurückhaltend eingesetzte, aber wirkungsvolle Musikuntermalung sauber und klar. Wer die Serie im englischen Originalton erleben möchte, wird darin insbesondere die Nuancen von Lancashires und Nortons Sprachduktus zu schätzen wissen, die in der deutschen Synchronisation naturgemäß etwas an Schärfe verlieren.
Bonusmaterial
Das Bonusmaterial der Veröffentlichung fällt vergleichsweise kompakt aus. Enthalten sind zwei Featurettes mit einer Gesamtlaufzeit von rund elf Minuten, die einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Produktion gewähren. Statt einer umfangreichen Sammlung an Extras liegt der Fokus hier klar auf einer knappen, aber immerhin vorhandenen Einordnung der Produktion, die interessierten Zuschauern zumindest einen kleinen Eindruck davon vermittelt, wie die Beteiligten selbst auf den Abschluss dieser Geschichte zurückblicken. Wer sich ausführlichere Interviews oder eine tiefergehende Dokumentation zur Entstehung der Serie erhofft hatte, wird hier allerdings nicht bedient – das Bonusmaterial bleibt eher symbolischer Natur als substanzieller Mehrwert.
Fazit
"Happy Valley – In einer kleinen Stadt" beendet mit dieser dritten Staffel eine der konsequentesten und emotional ehrlichsten Kriminalserien der letzten Jahre. Sally Wainwright gelingt es, ihre Geschichte über Trauma, Schuld und die Unmöglichkeit einfacher Vergebung zu einem Abschluss zu führen, der weder in billige Erlösung noch in zynische Härte abdriftet. Getragen wird das Ganze von drei außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen, allen voran Sarah Lancashire, die mit Catherine Cawood eine der großen Fernsehfiguren unserer Zeit geschaffen hat. Die Blu-ray-Veröffentlichung von Polyband liefert das Ausgangsmaterial solide und ohne Beanstandungen ab, bleibt beim Bonusmaterial jedoch spürbar hinter dem zurück, was einer derart preisgekrönten Serie eigentlich zustehen würde. Wer die Serie bereits kennt, braucht ohnehin keine Überzeugungsarbeit mehr – wer noch nicht mit Catherine Cawood durch die Straßen von Halifax gefahren ist, sollte diese Lücke dringend schließen.