Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection (4 Blu-rays, Studiocanal / Plaion Pictures) – Vier Ritte durch den Wilden Westen
Einleitung: Ein Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten
Seit acht Jahrzehnten reitet Lucky Luke durch die Prärie, und kaum eine Comicfigur ist so fest im kollektiven Gedächtnis verankert wie der einsame Cowboy mit dem Pferd Jolly Jumper, dem Hund Rantanplan und der Dauerfehde gegen die Dalton-Brüder. Erschaffen wurde er 1946 vom belgischen Zeichner Maurice de Bevère, der unter dem Namen Morris bekannt wurde und die Figur zunächst für ein Wochenmagazin entwarf. Seine bis heute ungebrochene Popularität gewann die Reihe jedoch ab 1955, als René Goscinny die Texte und Dialoge übernahm. Der 1926 in Paris geborene und in Argentinien aufgewachsene Autor, der später auch mit Asterix Comicgeschichte schrieb, verlieh den Abenteuern jenen trockenen Witz und jene Freude an Wortspielen, die den Kern der Reihe ausmachen. Anfang der 1970er Jahre folgte schließlich der Sprung auf die Leinwand. Studiocanal bringt nun mit Unterstützung von Plaion Pictures vier dieser Kinoabenteuer in einer Blu-ray-Collection zusammen, die am 24. September 2026 erscheinen soll und den Zeichentrickbogen von 1971 bis 2007 spannt.
Daisy Town (1971): Der Sheriff wider Willen
Der erste Kinofilm der Reihe ist zugleich der bekannteste und gilt vielen als der gelungenste. In dem neu gegründeten Wüstenstädtchen Daisy Town fehlt es an Recht und Ordnung, und weil Lucky Luke bei seiner Ankunft prompt für Ruhe sorgt, ernennt man ihn kurzerhand zum Sheriff. Doch dann tauchen die Daltons auf, und der gewitzte Joe überzeugt die Bürger davon, anständige Männer zu sein. Er strebt sogar das Bürgermeisteramt an. Als ihre Machenschaften dank Lucky Luke doch ans Licht kommen, werden die Brüder aus der Stadt gejagt und hetzen aus Rache Indianer gegen den Cowboy und die Bewohner auf. Der Film mit seiner Laufzeit von gut 77 Minuten verbindet Situationskomik, Wortwitz und Verfolgungsjagden mit sichtlichem Vergnügen und lebt vom Zusammenspiel der Figuren. Er wirkt heute erwartungsgemäß altmodisch, doch genau daraus bezieht er seinen Charme.
Sein größter Trick (1978): Ein Erbe mit Haken
Der zweite Film führt die Daltons erneut aus dem Gefängnis, diesmal aus einem sehr handfesten Motiv. Sie wollen das Erbe ihres verstorbenen Onkels Henry antreten, der allerdings eine makabre Bedingung gestellt hat: Sie sollen alle Geschworenen und den Richter aus seinem eigenen Verurteilungsfall beseitigen. Bestätigen soll das Ganze ausgerechnet Lucky Luke, dem der Onkel mehr traut als seinen Neffen. Die Brüder planen, den Cowboy zum Verbündeten zu machen und ihn dann umzubringen. Dass sich Lucky Luke darauf nicht einlässt, versteht sich von selbst, denn auch Rantanplan ist den Ausbrechern auf den Fersen. Erzählerisch wagt der Film einen Kunstgriff, indem ein Saloonsänger die Geschichte in Reimen vorträgt, was für manche Zuschauer den Reiz der Vorlage erhöht, bei anderen aber die Handlung etwas ausbremst. Im Vergleich zu den übrigen Filmen der Box fällt er humoristisch ein wenig zurückhaltender aus, bleibt aber ein sehenswerter Beitrag zur Filmografie.
Das große Abenteuer (1983): Kanada als Bühne
Im dritten Film geraten die vier Brüder Joe, William, Jack und Averell nach einem weiteren Ausbruch nach Kanada, wo sie unter dem Namen Jones-Brüder eine neue Gaunerkarriere beginnen. Nach einigen Überfällen setzt Lucky Luke dem Treiben ein Ende und nimmt die Ganoven gefangen, doch immer wieder kommen sie frei, bis es ihm gelingt, sie zurück in die USA zu bringen, wo man sie sicherer einsperren kann. Ausgerechnet Ma Dalton verpackt dann eine Feile in einem Brot. Der Film ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil Lucky Luke hier seine Zigarette gegen einen Grashalm eintauscht, ein Wandel, der später auch in den Comics Bestand hatte. Mit dem Schauplatzwechsel bringt der Film frischen Wind in die Reihe und beweist, dass sich die Grundidee auch außerhalb der vertrauten Wüstenkulisse tragen lässt.
Auf in den Westen, Lucky Luke! (2007): Der Siedlertreck
Der vierte Film stammt aus einer ganz anderen Ära und unterscheidet sich schon dadurch, dass er nicht mehr in der Tradition der klassischen Belgien-Produktionen steht. Regie führte Olivier Jean-Marie für das französische Studio Xilam, und der Film lief 2008 im Programm der Berlinale, wo er den Großen Preis des Deutschen Kinderhilfswerks erhielt. Die Handlung beginnt in New York, wo die Daltons nach einem Überfall ihre Beute in einem scheinbar verlassenen Planwagen verstecken, der in Wahrheit zu einem großen Siedlertreck gehört. Als sie zurückkehren, sehen sie unzählige identische Wagen und müssen sich notgedrungen dem Zug nach Kalifornien anschließen, stets unter den wachsamen Augen des Cowboys. Die Erzählung nutzt den Treck als Rahmen für zahlreiche Gags und Verfolgungsjagden, und die Animation ist deutlich moderner als in den älteren Filmen. Im französischen Original verleiht Lambert Wilson dem Cowboy seine Stimme, Clovis Cornillac spricht Joe Dalton. Der Film ist zugänglich und temporeich, wirkt in seiner Machart allerdings konventioneller als die Vorgänger und erreicht deren Charme nicht in jeder Szene.
Bild und Ton
Wie bei vielen Katalogtiteln hängt die Qualität der Blu-ray-Fassungen von der Herkunft der Vorlagen ab, und bei Zeichentrickfilmen aus den 1970er und 1980er Jahren kann das Ergebnis von hübsch restauriert bis merklich weicher reichen. Insgesamt bieten die Filme kräftige Farben, einen ruhigen Bildstand und den unverwechselbaren Look handgezeichneter Trickfilme. Der jüngste Beitrag profitiert von seiner digitalen Herkunft und zeigt ein sauberes, klar gezeichnetes Bild. Beim Ton sind die drei älteren Filme auf Deutsch in DTS-HD Master Audio 2.0 Mono vertreten, was dem Original entspricht und für angenehme Authentizität sorgt. Der vierte Film bietet Deutsch und Französisch in DTS-HD Master Audio 5.1, sodass sich der Zuschauer wahlweise für die deutsche oder die originale Sprachfassung entscheiden kann.
Verpackung
Die Sammlung vereint vier Blu-rays in einer gemeinsamen Box und richtet sich damit an Fans, die die Filme bislang nur einzeln oder in kleineren Sets kannten. Praktisch ist die Zusammenfassung vor allem deshalb, weil erstmals die Filme von 1971 bis 2007 in einer einzigen Veröffentlichung im Regal stehen.
Bonusmaterial
Neben den Trailern gehört zur Box vor allem eine ausführliche Dokumentation über René Goscinny, die dem Zuschauer das Leben des Autors näherbringt. Man erfährt, wie der spätere Erfolgsautor nach frühen Jahren in Argentinien und New York zunächst kaum Fuß fasste, bis er in Europa nach und nach Arbeiten fand, die ihn erfüllten. Sein Ziel war es stets, die Leser zum Lachen zu bringen, und obwohl ihm das mit großem Erfolg gelang, setzte er sich selbst oft unter enormen Druck. Für Freunde der Comics ist diese Dokumentation ein lohnendes Extra, das den Blick auf die Entstehung der Geschichten vertieft und die Filme in einen größeren Zusammenhang stellt.
Fazit
Die große Spielfilm-Collection ist eine liebevolle Verbeugung vor einer der beständigsten Figuren des europäischen Comics. Die vier Filme unterscheiden sich in Tempo, Witz und Machart, und nicht alle erreichen die Klasse des ersten Kinoabenteuers, doch zusammen bilden sie ein unterhaltsames Panorama aus vier Jahrzehnten Lucky-Luke-Kino. Wer mit den Comics aufgewachsen ist, freut sich über das Wiedersehen mit vertrauten Figuren, und wer das Genre seinen Kindern näherbringen möchte, findet hier einen zugänglichen und familientauglichen Einstieg. Die Box ist keine Offenbarung in Sachen Bildqualität, dafür aber eine solide und sinnvolle Zusammenstellung, die durch das Goscinny-Porträt zusätzlichen Wert erhält.