Fast zwei Jahrzehnte nach seiner Premiere gehört "This is England" nach wie vor zu den prägendsten britischen Filmen über Jugend, Klassenkonflikt und den schleichenden Rechtsruck der Thatcher-Ära. Mit der neuen Blu-ray-Veröffentlichung bringt Arthaus Shane Meadows' semi-autobiografisches Drama in einer aufgewerteten Heimkinofassung zurück und erinnert damit an einen Film, der seinerzeit nicht nur die britische Kritik, sondern auch ein internationales Publikum tief beeindruckte.
England, 1983: Ein Junge zwischen Trauer und Zugehörigkeit
Im Zentrum der Handlung steht der zwölfjährige Shaun, der mit seiner Mutter Cynthia in einer tristen englischen Provinzstadt lebt, nachdem sein Vater im Falklandkrieg gefallen ist. Mittellos, orientierungslos und in der Schule gehänselt, findet der Junge ausgerechnet bei einer Gruppe Skinheads um den warmherzigen Woody jene Zugehörigkeit, die ihm im eigenen Leben fehlt. Was zunächst wie eine Ersatzfamilie voller Musik, Freundschaft und erster jugendlicher Erfahrungen wirkt, kippt jedoch spürbar, als der gerade aus dem Gefängnis entlassene Combo zur Gruppe zurückkehrt. In dem offen nationalistisch gesinnten älteren Anführer findet Shaun plötzlich eine Vaterfigur, deren Einfluss ihn einen zunehmend radikalen Wandel durchlaufen lässt – ein Prozess, der die anfänglich so unbeschwerte Gruppendynamik in etwas weitaus Dunkleres verwandelt.
Shane Meadows, der mit Filmen wie "Blutrache – Dead Man's Shoes" bereits sein Gespür für roh inszenierte, sozial verortete Milieustudien unter Beweis gestellt hatte, verarbeitet in "This is England" spürbar eigene Jugenderfahrungen. Diese autobiografische Nähe verleiht dem Film eine Unmittelbarkeit, die ihn deutlich von distanzierteren Gesellschaftsporträts seiner Zeit abhebt: Die Kamera von Danny Cohen fängt die triste Schönheit der englischen Küstenstädte in einem warmen, fast nostalgischen Licht ein, während der von Ludovico Einaudi komponierte, zurückhaltende Score dem Geschehen eine leise Melancholie unterlegt, die im Kontrast zur zunehmenden Härte der Handlung steht.
Ein Ensemble zwischen Verletzlichkeit und Bedrohung
Getragen wird der Film maßgeblich von seinem jungen Hauptdarsteller Thomas Turgoose, der als Shaun bei seinem Filmdebüt eine erstaunliche Bandbreite zwischen kindlicher Verletzlichkeit und wachsender Verhärtung offenbart – eine Leistung, die ihm seinerzeit einen BIFA für den besten Nachwuchsdarsteller einbrachte und die ihn später unter anderem zu Rollen wie in "Mickey 17" führen sollte. Ihm zur Seite steht Stephen Graham, der als Combo eine der eindrücklichsten Antagonistenfiguren des britischen Kinos der 2000er-Jahre erschafft: Graham zeichnet Combo nicht als eindimensionalen Schläger, sondern als zutiefst gebrochenen Mann, dessen Charisma und Verletzlichkeit seine Gefährlichkeit erst recht greifbar machen. Der heutige Golden-Globe-Gewinner, der zuletzt mit "Adolescence" international für Aufsehen sorgte, liefert hier bereits eine seiner prägendsten Leistungen ab. Jo Hartley als Shauns Mutter Cynthia und Joe Gilgun als der gutmütige Woody runden ein Ensemble ab, das durchweg mit einer fast dokumentarischen Natürlichkeit agiert – ein Eindruck, der nicht zuletzt Meadows' bekannter Vorliebe für Improvisation am Set geschuldet ist.
Ein ironisch-kritischer Blick auf Jugendkultur und Rechtsruck
Was "This is England" bis heute so bemerkenswert macht, ist die Balance, die Meadows zwischen liebevoller Milieuzeichnung und schonungsloser gesellschaftlicher Kritik hält. Die anfängliche Skinhead-Subkultur wird keineswegs plump verurteilt, sondern in ihrer musikalischen und sozialen Anziehungskraft ernst genommen, ehe der Film schonungslos vorführt, wie leicht sich Verletzlichkeit und fehlende Zugehörigkeit für nationalistische Ideologien instrumentalisieren lassen. Diese erzählerische Doppelbödigkeit, unterstützt von einem trocken-ironischen Humor in den ersten Filmdritteln, macht "This is England" zu weit mehr als einem bloßen Sozialdrama über die Thatcher-Ära – der Film wurde folgerichtig unter anderem mit einem BAFTA sowie zwei BIFAs ausgezeichnet und gilt längst als moderner Klassiker des britischen Kinos.
Bild und Ton auf der neuen Blu-ray
Die neue Arthaus-Fassung präsentiert den Film in einer erkennbar überarbeiteten Bildqualität, die der körnigen, bewusst rohen Ästhetik der ursprünglichen 16-Millimeter-Aufnahmen dennoch treu bleibt. Statt eines übertrieben geglätteten Bildeindrucks bewahrt die Abtastung den authentischen, leicht körnigen Charakter der Kameraarbeit von Danny Cohen und vermittelt so weiterhin jene dokumentarische Unmittelbarkeit, die den Film seit jeher auszeichnet. Tontechnisch profitiert vor allem der von Ska- und Reggae-Klängen geprägte Soundtrack von der aufgewerteten Fassung, der ebenso klar durchkommt wie die oft im Dialekt gehaltenen, mitunter herausfordernden Dialoge.
Umfangreiches Bonusmaterial
Wer sich für die Arthaus-Blu-ray entscheidet, wird mit einem angenehm umfangreichen Bonusprogramm belohnt. Den Auftakt macht ein Audiokommentar, der tiefere Einblicke in Shane Meadows' persönlichen Zugang zum Stoff und seine am Set gepflegte, stark improvisationsgeprägte Arbeitsweise gewährt. Ergänzt wird dieser durch eine Reihe von Interviews, in denen sich Cast und Crew rückblickend zur Entstehung des Films und seiner bis heute anhaltenden gesellschaftlichen Relevanz äußern. Die enthaltenen Behind-the-scenes-Aufnahmen gewähren einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten und zeigen, mit welcher Sorgfalt die jugendliche Subkultur der frühen Achtzigerjahre rekonstruiert wurde, während mehrere entfernte Szenen weitere, im finalen Schnitt nicht berücksichtigte Momente aus Shauns Geschichte nachreichen. Abgerundet wird das Paket durch zusätzliche Featurettes, die sich vertiefend mit einzelnen thematischen Aspekten des Films auseinandersetzen, sowie den Originaltrailer. Insgesamt handelt es sich um eine Zusammenstellung, die dem Film in seiner Bedeutung als Zeitdokument gerecht wird und weit über die übliche Standardausstattung vergleichbarer Katalogveröffentlichungen hinausgeht.
Fazit
"This is England" hat auch fast zwanzig Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Wucht verloren – im Gegenteil, angesichts anhaltender gesellschaftlicher Debatten um Radikalisierung und rechte Ideologien wirkt Shane Meadows' Porträt einer verlorenen Jugend heute beinahe noch dringlicher als zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung. Mit Thomas Turgoose und Stephen Graham in Bestform sowie einer inszenatorischen Sorgfalt, die Milieustudie und Coming-of-Age-Drama meisterhaft miteinander verbindet, bleibt der Film ein Höhepunkt des britischen Sozialkinos. Die neue Arthaus-Blu-ray tut diesem Klassiker mit ihrer sorgfältigen Bildpräsentation und dem üppigen Bonusmaterial alle Ehre und ist damit die derzeit empfehlenswerteste deutsche Heimkinofassung des Films.