Woodo – Test zum entschleunigenden Diorama-Puzzle von Daedalic Entertainment für die PS5
Zwischen den ganz großen Blockbustern der laufenden Saison hat sich mit "Woodo" ein Titel eingeschlichen, der bewusst das genaue Gegenteil anstrebt: kein Wettlauf gegen die Zeit, kein Kampfsystem, keine Highscores – sondern das behutsame, fast schon meditative Zusammensetzen kleiner Holzdioramen. Entwickelt wurde das Spiel vom kleinen Studio Tiny Monks Tales rund um Yullia Prohorova und Timur Bogotov, die zuvor bereits mit "Clumsy Rush" für die Switch in Erscheinung traten, veröffentlicht wird es von Daedalic Entertainment, das mit dieser Neuerscheinung seine publizistische Ausrichtung auf vier Säulen – Erzählung, Strategie, Koop und eben "wholesome games" – einmal mehr unter Beweis stellt.
Eine Sommergeschichte über Foxy und Ben den Frosch
Im Zentrum von "Woodo" steht die junge Foxy, die einen Sommer bei ihrem entfernten Verwandten Ben verbringt – einem Frosch, der in einem abgelegenen Dorf lebt und dort seit jeher der Ruhe des Landlebens verbunden ist. Foxy hingegen ist ein Kind der digitalen Welt und tut sich anfangs sichtlich schwer mit ihrer neuen, analogen Umgebung. Erst durch Bens geduldige Ermutigung und einen gemeinsamen Ausflug zu einem ihm besonders am Herzen liegenden Ort entdeckt sie die Freude an Kreativität und beginnt, sich eigene, bleibende Erinnerungen an diesen Sommer zu schaffen. Diese Erinnerungen sind es auch, die das eigentliche Spielprinzip tragen: Jedes der zusammenzusetzenden Dioramen steht für einen ganz bestimmten Moment aus Foxys Sommer, von komischen Begegnungen mit Gänsen und einem widerspenstigen Ziegenbock bis hin zu den leiseren, stillen Augenblicken zwischen ihr und Ben.
Erzählt wird diese Geschichte nicht über klassische Dialogsequenzen, sondern über die warme, stets präsente Stimme eines Erzählers, der die Spielenden wie ein guter Freund durch die einzelnen Erinnerungen begleitet. Diese Erzählform lässt "Woodo" weniger wie ein Spiel mit Geschichte und mehr wie ein interaktives Bilderbuch wirken, dessen Ton bewusst auf Nostalgie und die unbeschwerte Weite kindlicher Sommerferien setzt – auf eine Zeit, in der die Tage lang waren und die kleinsten Dinge noch echte Überraschungen bereithielten.
Puzzle-Mechanik: Ein Spielzeug zum Anfassen
Das eigentliche Herzstück von "Woodo" ist seine Zusammensetzmechanik, die sich am ehesten mit einer Mischung aus Wimmelbildspiel und dreidimensionalem Steckspielzeug beschreiben lässt. Jedes Diorama beginnt als weitgehend leere, blasse Szenerie, in der es gilt, einzelne Objektteile zu finden und an ihrem richtigen Platz einzusetzen. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um einen linearen Vorgang: Die Spielenden müssen die dreidimensionale Szene aktiv drehen und aus verschiedenen Blickwinkeln erkunden, um versteckte Teile überhaupt erst aufzuspüren. Mit jedem korrekt platzierten Element erwacht die jeweilige Szene ein Stück weiter zum Leben, gewinnt an Farbe und wird von kleinen, liebevoll animierten Überraschungen begleitet, die auf die eigenen Platzierungen reagieren.
Besonders hervorzuheben ist dabei das haptische Feingefühl, mit dem dieses Zusammenklicken der einzelnen Teile inszeniert wird – über die adaptiven Trigger und die Vibrationsfunktion des DualSense-Controllers vermittelt "Woodo" tatsächlich das Gefühl, ein echtes Holzspielzeug in den Händen zu halten, dessen Teile mit einem spürbaren, beinahe schon befriedigenden Widerstand einrasten. Wer sich an ein Steckpuzzle aus Kindertagen erinnert fühlt, liegt hier goldrichtig. Ergänzt wird dieses Kernprinzip durch eine adaptive Unterstützung, die sich dem eigenen Tempo anpasst: Wer bei einem bestimmten Teil nicht weiterkommt, erhält nach und nach dezente Hinweise, ohne dass dabei je ein Zeitdruck oder eine Fehlerstrafe aufkäme. Das Spiel will explizit niemanden unter Druck setzen, sondern lädt dazu ein, sich in seinem eigenen Tempo durch die einzelnen Erinnerungen zu arbeiten.
Kein Zeitdruck, aber auch kaum Widerstand
Wer von "Woodo" ein forderndes Rätseldesign im klassischen Sinne erwartet, wird enttäuscht – und das ist ausdrücklich so gewollt. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger im Knobeln selbst als im aufmerksamen Absuchen der dreidimensionalen Szenen und im geduldigen Erkunden aller Blickwinkel. Für ein entspanntes Feierabendspiel, das man auch neben einem Podcast oder in Gesellschaft spielen kann, ist dieser Ansatz goldrichtig, wer hingegen auf kniffligere Rätselmechanik hofft, etwa in der Tradition größerer Wimmelbild- oder Konstruktionsspiele, dürfte die insgesamt recht überschaubare mechanische Tiefe schnell durchschaut haben. Die eigentliche Stärke von "Woodo" liegt entsprechend weniger im spielerischen Anspruch als in seiner gesamten Atmosphäre.
Präsentation: Ein Setzkasten voller Wärme
Optisch bedient sich "Woodo" konsequent bei der Ästhetik klassischer Holzspielzeuge: Jedes Objekt wirkt, als sei es tatsächlich aus einem Setzkasten oder einer alten Spielzeugschachtel entnommen worden, mit sichtbarer Maserung, warmen Naturtönen und einer sanften, nie aufdringlichen Beleuchtung. Diese konsequente Formsprache zieht sich durch sämtliche Dioramen und verleiht dem Spiel eine visuelle Kohärenz, die deutlich über das hinausgeht, was man von einem kleinen Indie-Team dieser Größe erwarten würde. Untermalt wird das Geschehen von einem Sounddesign, das bewusst das Gefühl vermitteln will, mit einem echten Puppenhaus zu spielen – Holzklänge, gedämpfte Umgebungsgeräusche und die bereits erwähnte, durchgehend präsente Erzählstimme fügen sich zu einer stimmigen, nie überladenen Klanglandschaft zusammen. Für die deutschsprachige Kundschaft dürfte zudem angenehm sein, dass das Spiel vollständig lokalisiert erscheint, inklusive vollständiger Sprachausgabe, die in insgesamt acht Sprachen vertreten ist.
Bonusinhalte der Deluxe-Ausgabe
Wer sich für die Deluxe-Fassung entscheidet, erhält neben dem eigentlichen Spiel noch einiges an zusätzlichem Material, das den warmherzigen Grundton von "Woodo" konsequent weiterträgt. Dazu zählt zunächst der komplette Original-Soundtrack mit vierunddreißig Stücken, der die musikalische Untermalung der einzelnen Dioramen in voller Länge zum Nachhören bereitstellt. Hinzu kommen druckfertige 3D-Modelldateien, mit denen sich eigene Figuren von Foxy und Ben ausdrucken lassen, sowie zweidimensionale Vorlagen für ein Poster der Dorfkarte aus dem Spiel und ein dazugehöriges Aufkleberset. Abgerundet wird das Paket durch zwei zusätzliche Farboptionen für den in Spiel verwendeten Cursor, liebevoll "Foxy Orange" und "Ben Green" getauft, sowie einen kleinen Dank-Aufkleber auf der digitalen Dorfkarte. Insgesamt handelt es sich um ein sympathisches, spürbar mit Herzblut zusammengestelltes Bonuspaket, das weniger auf spielerischen Mehrwert als auf zusätzliche Verbundenheit mit der liebevoll gestalteten Spielwelt setzt.
Fazit
"Woodo" ist ein Spiel, das genau weiß, was es sein will, und diesem Anspruch mit bemerkenswerter Konsequenz gerecht wird: ein warmherziges, entschleunigendes Puzzle-Erlebnis, das über seine haptisch befriedigende Zusammensetzmechanik und die anrührende Geschichte von Foxy und Ben eine seltene Form kindlicher Nostalgie einfängt. Wer forderndes Rätseldesign oder größere spielerische Tiefe sucht, wird hier nicht fündig, wer sich hingegen bewusst auf ein kurzes, aber liebevoll gestaltetes Wohlfühlerlebnis einlassen möchte, findet in "Woodo" einen der charmantesten kleinen Titel dieses Jahrgangs – ein digitaler Setzkasten, der genau dann seine Wirkung entfaltet, wenn man ihm die nötige Zeit und Aufmerksamkeit schenkt.