Mit der Comicreihe Absolute Superman präsentiert Panini eine ungewöhnliche Neuinterpretation eines der bekanntesten Superhelden überhaupt. Statt den altbekannten Mythos lediglich mit neuen Geschichten fortzuführen, stellt die Reihe vertraute Figuren in einen veränderten Kontext und gibt ihnen neue Facetten. Auch der sechste Band bleibt diesem Ansatz treu und verbindet spektakuläre Superhelden-Action mit einer düsteren Bedrohung, die weit über einen gewöhnlichen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner hinausgeht. Mit Autor Jason Aaron, der unter anderem für seine Arbeit an Avengers bekannt ist, sowie den Zeichnern Rafa Sandoval und Juan Ferreyra versammelt der Band zudem ein kreatives Team, das dem alternativen Superman-Universum seinen ganz eigenen Charakter verleiht.
Im Mittelpunkt steht ein Superman, der zwar bereits über enorme Kräfte verfügt und als mächtigster Verteidiger der Erde gilt, seine Rolle als Held aber noch längst nicht vollständig verinnerlicht hat. Er ist jung, unerfahren und muss erst lernen, mit seiner außergewöhnlichen Verantwortung umzugehen. Genau hier setzt die Begegnung mit Hawkman an. Der erfahrene Haudegen sieht offenbar die Gelegenheit gekommen, dem Nachwuchshelden einige Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Dabei prallen unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, wie ein Superheld auftreten und handeln sollte. Die Konstellation bietet reichlich Potenzial für unterhaltsame Dialoge und interessante Charakterzeichnungen, denn Superman muss sich nicht nur mit äußeren Gefahren auseinandersetzen, sondern auch seinen eigenen Weg finden. Gerade diese etwas andere Ausgangssituation macht den Reiz der Reihe aus: Der Mann aus Stahl wirkt nicht wie ein vollkommen fertiger Held, der jede Situation souverän beherrscht, sondern wie jemand, der trotz seiner übermenschlichen Fähigkeiten noch Erfahrungen sammeln muss.
Lange Zeit bleibt den beiden allerdings nicht, um über die richtige Vorgehensweise zu diskutieren. Als ein gigantisches Monster Metropolis angreift, verwandelt sich die Situation in einen Albtraum. Die Kreatur hinterlässt eine Spur der Verwüstung und verschlingt die Bewohner der Stadt. Damit wird aus einem vermeintlich gewöhnlichen Einsatz eine Katastrophe, die Superman an seine Grenzen bringen könnte. Die Bedrohung besitzt eine andere Qualität als ein klassischer Superschurkenangriff, denn hier geht es nicht allein darum, einen Gegner zu besiegen. Vielmehr steht das Leben zahlloser Menschen auf dem Spiel, während sich die Lage zunehmend zuspitzt. Superman muss schnell handeln und beweisen, dass er auch dann Verantwortung übernehmen kann, wenn ihm die Erfahrung fehlt und keine einfache Lösung in Sicht ist.
Jason Aaron nutzt dieses Szenario, um den jungen Helden mit einer Situation zu konfrontieren, in der rohe Kraft allein möglicherweise nicht ausreicht. Der Kampf gegen das Monster liefert die Grundlage für eine actionreiche Geschichte, zugleich wird aber auch deutlich, wie schwierig es sein kann, die eigenen Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Die Beziehung zwischen Superman und Hawkman bildet dabei einen interessanten Gegenpol zum Chaos in Metropolis. Während der erfahrene Kämpfer seine eigenen Vorstellungen mitbringt, muss Superman herausfinden, welche Ratschläge ihm tatsächlich helfen und wo er sich auf sein eigenes Urteil verlassen sollte. Daraus ergibt sich eine Dynamik, die dem Band mehr Tiefe verleiht, als es die reine Monster-Action zunächst vermuten lässt.
Parallel dazu entwickelt sich im Hintergrund eine weitere Handlung, die das Potenzial für größere Konflikte erkennen lässt. Der sadistische Brainiac verfolgt finstere Pläne und wendet sich an Lex Luthor, um ihn für seine Vorhaben zu gewinnen. Diese Begegnung sorgt für eine zusätzliche düstere Note und deutet an, dass die Ereignisse in Metropolis nur einen Teil eines wesentlich größeren Geschehens darstellen könnten. Besonders reizvoll ist dabei die Vorstellung, dass zwei Figuren mit völlig unterschiedlichen Motiven zusammenarbeiten oder sich zumindest vorübergehend auf gemeinsame Ziele verständigen könnten. Brainiac steht für eine kalte, bedrohliche Form der Intelligenz, während Lex Luthor traditionell durch seinen Ehrgeiz und seinen ausgeprägten Willen zur Macht geprägt ist. In der alternativen Welt von Absolute Superman erhält diese Konstellation einen eigenen Rahmen, der neugierig auf die weitere Entwicklung macht.
Gerade dieser Wechsel zwischen der unmittelbaren Katastrophe und den Vorgängen im Hintergrund sorgt für Abwechslung. Während Superman und Hawkman mit einer akuten Gefahr konfrontiert werden, werden zugleich neue Konflikte vorbereitet, deren Tragweite sich erst nach und nach erschließen dürfte. Der Band beschränkt sich dadurch nicht auf eine abgeschlossene Auseinandersetzung mit einem Monster, sondern erweitert das Gesamtbild dieser ungewöhnlichen Superman-Version. Wer die Reihe bereits verfolgt, bekommt weitere Einblicke in die Welt, die Jason Aaron aufbaut. Neue Leser erhalten dagegen einen Eindruck davon, wie konsequent die Serie bekannte Figuren neu interpretiert, ohne ihre grundlegenden Eigenschaften vollständig über Bord zu werfen.
Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung hat die visuelle Gestaltung. Rafa Sandoval, der unter anderem durch seine Arbeiten an Flash bekannt ist, bringt die nötige Dynamik mit, um die Kämpfe und die Zerstörung von Metropolis eindrucksvoll in Szene zu setzen. Gerade ein gigantisches Monster, das sich durch eine dicht besiedelte Großstadt bewegt, verlangt nach Bildern, die Größenverhältnisse und die daraus entstehende Bedrohung überzeugend vermitteln. Die Inszenierung solcher Szenen lebt von kraftvollen Perspektiven, einer klaren Bildführung und dem Wechsel zwischen groß angelegten Actionmomenten und den unmittelbaren Folgen für die Menschen vor Ort. Juan Ferreyra, bekannt durch seine Arbeit an Green Arrow, ergänzt das kreative Umfeld und trägt dazu bei, dass die Geschichte auch visuell ihren eigenen Ton erhält. Die Zeichnungen unterstützen die düstere Grundstimmung und unterstreichen den Kontrast zwischen Superheldenfantasie und einer Situation, die für die Bevölkerung von Metropolis alles andere als fantastisch ist.
Auch die grundlegende Ausrichtung von Absolute Superman bleibt ein wichtiger Pluspunkt. Die Reihe zeigt, dass eine bekannte Figur nicht zwangsläufig neu erfunden werden muss, indem man ihre Vergangenheit einfach ignoriert. Vielmehr kann es spannend sein, vertraute Eigenschaften unter veränderten Bedingungen zu betrachten. Superman ist weiterhin ein außergewöhnlich mächtiger Held, doch seine Jugend und Unerfahrenheit machen ihn verletzlicher, als es seine Kräfte zunächst vermuten lassen. Hawkman bringt eine andere Perspektive ins Spiel, während Brainiac und Lex Luthor eine Bedrohung ankündigen, die sich nicht allein mit körperlicher Stärke lösen lässt. So entsteht ein abwechslungsreiches Zusammenspiel aus Charakterentwicklung, spektakulärer Action und der Vorbereitung größerer Auseinandersetzungen.
Natürlich richtet sich der sechste Band vor allem an Leser, die Freude an modernen Superheldengeschichten haben und bekannte Figuren gerne in einem neuen Licht erleben. Wer eine möglichst klassische Superman-Erzählung erwartet, in der der Held bereits als nahezu unerschütterlicher Beschützer auftritt, muss sich auf diese andere Herangehensweise einlassen. Gerade die Tatsache, dass Superman noch lernen muss, macht ihn hier jedoch interessant. Er darf Fehler machen, muss Entscheidungen treffen und kann nicht jede Gefahr allein durch seine Kräfte beseitigen. Die zusätzliche Handlung um Brainiac und Lex Luthor sorgt außerdem dafür, dass die Geschichte über den unmittelbaren Konflikt hinausweist und Lust auf die Fortsetzung macht.
Fazit:
Absolute Superman 6 führt die alternative Interpretation des Mannes aus Stahl konsequent fort und kombiniert einen spektakulären Monsterangriff auf Metropolis mit interessanten Figurenkonstellationen und einer düsteren Entwicklung im Hintergrund. Jason Aaron setzt auf einen Superman, der zwar enorme Macht besitzt, seine Rolle als Held aber noch finden muss. Die Begegnung mit Hawkman bringt zusätzliche Dynamik in die Handlung, während Brainiac und Lex Luthor eine bedrohliche zweite Ebene eröffnen. Die Zeichnungen von Rafa Sandoval und Juan Ferreyra verleihen dem Geschehen die passende visuelle Wucht. Ein unterhaltsamer Band für Fans moderner Superheldencomics, der bekannte DC-Figuren in einem frischen Gewand präsentiert und die Spannung auf die kommenden Ereignisse hochhält.