Logan: Schwarz, Weiß & Blut – Wolverines brutalste Seite in einem Band
Wolverine gehört zu den Figuren des Marvel-Universums, die sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfinden konnten, ohne dabei ihre charakteristischen Eigenschaften zu verlieren. Logan ist ein Krieger, ein Überlebender, ein Einzelgänger, ein Held wider Willen und nicht zuletzt ein Mann, der seine Probleme bevorzugt mit den eigenen Klauen löst. Gleichzeitig ist seine Vergangenheit derart umfangreich und von Gewalt geprägt, dass es kaum verwundert, dass sich immer wieder neue Geschichten zwischen den bekannten Stationen seines Lebens erzählen lassen. Mit dem großformatigen Hardcoverband „Logan: Schwarz, Weiß & Blut“ veröffentlicht Panini nun eine Sammlung, die genau diese Seite der Figur in den Mittelpunkt stellt. Enthalten sind die vier Ausgaben von „Logan: Black, White & Blood“ (2026) 1–4, in denen zahlreiche internationale Comic-Kreative den Mutanten in ganz unterschiedlichen Epochen und Situationen präsentieren.
Schon das Konzept des Bandes verspricht dabei eine Menge Abwechslung. Logan wird nicht einfach in einer zusammenhängenden Geschichte durch ein neues Abenteuer geschickt, sondern begegnet uns in unterschiedlichen Lebensabschnitten und Szenarien. Während der Prohibition ist er ebenso unterwegs wie in den 1950er-Jahren beim Militär, später verfolgt er einen Serienkiller und muss sich mit den unmittelbaren Folgen des Waffe-X-Projekts auseinandersetzen. Er arbeitet auf einer geheimen Mission mit Carol Danvers zusammen, versucht sich als Farmer an einem friedlicheren Leben, steht an der Seite eines Waffenbruders oder tritt als Patch im berüchtigten Madripoor auf. Selbst ein Blick auf das Ende aller Tage darf nicht fehlen. Dadurch entsteht ein ungewöhnlich vielseitiges Porträt von Logan, bei dem nicht unbedingt die zeitliche Einordnung, sondern seine Persönlichkeit den roten Faden bildet.
Der besondere Reiz von „Schwarz, Weiß & Blut“ liegt dabei in der Erzählweise. Die Reihe setzt ganz bewusst auf kurze, in sich abgeschlossene Geschichten, die Logan in zugespitzten Situationen zeigen. Dadurch können die Autoren unterschiedliche Facetten des Charakters herausarbeiten, ohne sich an eine übergeordnete Handlung halten zu müssen. Mal steht der einsame Kämpfer im Mittelpunkt, mal der Soldat, mal der Ermittler oder der Mann, der eigentlich nur versucht, irgendwo ein wenig Frieden zu finden. Gemeinsam ist den Geschichten allerdings, dass Logan immer wieder an einen Punkt gebracht wird, an dem seine animalische Seite zum Vorschein kommt.
Und genau hier macht der Titel „Schwarz, Weiß & Blut“ seinem Namen alle Ehre. Die Geschichten sind nichts für Leser, die Wolverine ausschließlich als Mitglied der X-Men oder als Superhelden mit heroischen Idealen kennen. Hier darf Logan deutlich brutaler auftreten. Seine Adamantiumklauen werden nicht nur als cooles Markenzeichen präsentiert, sondern als das, was sie tatsächlich sind: tödliche Waffen. Die Kämpfe fallen entsprechend hart aus und die Geschichten nehmen sich nicht die Zeit, die Gewalt unnötig zu beschönigen. Das passt hervorragend zu Wolverine, denn seine Persönlichkeit war schon immer von einem Spannungsverhältnis zwischen Menschlichkeit und animalischem Instinkt geprägt.
Besonders gelungen ist dabei, dass der Band nicht ausschließlich auf blutige Action setzt. Hinter der Brutalität steckt häufig eine zweite Ebene. Logan ist schließlich kein stumpfer Berserker. Er trägt seine Vergangenheit mit sich herum und muss immer wieder mit Entscheidungen leben, die längst getroffen wurden. Gerade die Geschichten, in denen er eigentlich nach einem ruhigeren Leben sucht, zeigen, wie schwer es ihm fällt, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ein Farmerleben klingt für einen Mann wie Logan zunächst nach einem idealen Gegenentwurf zu seinem bisherigen Dasein. Doch wer Logan kennt, weiß natürlich, dass Frieden für ihn niemals einfach zu erreichen ist.
Eine interessante Variante bietet auch die Geschichte, in der Logan in den 1970er-Jahren einem Serienkiller auf der Spur ist. Hier kann die Figur ihre Fähigkeiten einmal auf eine etwas andere Weise einsetzen. Aus dem Berserker wird ein Ermittler, wobei natürlich auch hier die Gefahr besteht, dass seine Methoden alles andere als zimperlich ausfallen. Gerade solche Szenarien machen deutlich, wie flexibel die Figur eingesetzt werden kann. Wolverine funktioniert nicht nur in klassischen Superheldengeschichten, sondern ebenso in Noir-, Krimi-, Kriegs- oder Western-inspirierten Erzählungen.
Auch Logans Vergangenheit beim Militär wird aufgegriffen. Seine lange Geschichte als Soldat und Kämpfer bietet schließlich genügend Material für Geschichten, in denen Kameradschaft, Befehle, Loyalität und die moralischen Konsequenzen des Krieges eine Rolle spielen. Dass Logan dabei immer wieder mit einem Waffenbruder an seiner Seite zu sehen ist, unterstreicht eine weitere Facette seines Charakters. So sehr er den Einzelgänger verkörpert, so wichtig sind ihm Menschen, die sich sein Vertrauen tatsächlich verdient haben.
Eine besondere Stellung nimmt Logans Zeit als Patch im Sündenbabel Madripoor ein. Dieser Abschnitt gehört seit Langem zu den interessanteren Stationen der Figur und bietet den Autoren eine Welt, in der Moral und Gesetz wenig bedeuten. Logan kann hier wesentlich stärker mit seiner kriminellen und zwielichtigen Seite spielen. Als Patch muss er sich zwischen verschiedenen Fraktionen bewegen und gleichzeitig dafür sorgen, dass seine wahre Identität nicht sofort auffliegt. Madripoor eignet sich deshalb hervorragend für die düstere Atmosphäre, die den gesamten Band prägt.
Auch die geheime Mission mit Carol Danvers sorgt für Abwechslung. Logan und Carol sind zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, funktionieren als Team aber gerade deshalb interessant. Während Logan häufig intuitiv, aggressiv und kompromisslos handelt, steht Carol für eine andere Form von Heldentum. Die Kombination der beiden sorgt für Dynamik und verhindert, dass die Geschichten ausschließlich aus Logans innerem Monolog und seinen Kämpfen bestehen.
Besonders spannend ist außerdem die Geschichte, die Logan unmittelbar nach dem Waffe-X-Projekt zeigt. Die Ereignisse rund um das Experiment gehören zu den prägendsten Elementen seiner Vergangenheit. Logan wurde seiner Erinnerungen beraubt, körperlich verändert und letztlich zu einer Waffe gemacht. Geschichten aus dieser Phase besitzen deshalb automatisch eine gewisse Tragik. Hinter den Adamantiumklauen steht hier kein selbstbewusster Superheld, sondern ein Mensch, dessen Identität zerstört wurde und der erst langsam wieder herausfinden muss, wer er eigentlich ist.
Die verschiedenen Autoren gehen dabei durchaus unterschiedlich mit der Figur um. Larry Hama, Ben Percy und Frank Tieri gehören zu den Namen, die Fans der Marvel-Comics durchaus bekannt sein dürften. Hinzu kommen Zeichner wie Phil Noto, Giuseppe Camuncoli, Adam Kubert, Pere Pérez und Jan Bazaldua sowie zahlreiche weitere internationale Künstler. Diese Vielfalt ist eine der großen Stärken des Bandes, denn dadurch erhält jede Geschichte ihre eigene visuelle Identität.
Gerade bei einer Anthologie wie „Schwarz, Weiß & Blut“ ist das besonders wichtig. Würden sämtliche Geschichten gleich aussehen und sich stilistisch kaum unterscheiden, könnte der Band schnell monoton wirken. Stattdessen sorgen die unterschiedlichen Zeichner dafür, dass sich die einzelnen Episoden bereits optisch voneinander abheben. Manche Geschichten wirken klassischer und detailreicher, andere moderner und dynamischer. Wieder andere nutzen starke Kontraste und ausdrucksstarke Schwarzflächen, was hervorragend zum Konzept der Reihe passt.
Das Schwarz-Weiß-Konzept ist dabei mehr als eine reine Designentscheidung. Durch die reduzierte Farbpalette kommen die Zeichnungen teilweise besonders intensiv zur Geltung. Schatten, Silhouetten, Krallen und Blut werden zu wichtigen visuellen Elementen. Wo normalerweise zahlreiche Farben miteinander konkurrieren würden, konzentriert sich der Blick stärker auf die Figuren und die Dynamik der jeweiligen Szene. Das passt hervorragend zu Wolverine, dessen Geschichten ohnehin häufig von Nacht, Gewalt und düsteren Schauplätzen geprägt sind.
Gleichzeitig erlaubt das Konzept, den roten Akzent des Blutes besonders wirkungsvoll einzusetzen. Wolverine ist schließlich eine Figur, bei der Verletzungen eigentlich zum Alltag gehören. Er kann Kugeln, Messer und Schläge überstehen und dank seiner Selbstheilung immer wieder aufstehen. In „Schwarz, Weiß & Blut“ wird diese Fähigkeit allerdings nicht zum Freifahrtschein. Die Gewalt bleibt spürbar und vermittelt dem Leser immer wieder, wie brutal die Welt ist, in der Logan lebt.
Trotz aller Härte funktioniert der Band deshalb auch als Charakterstudie. Logan ist nicht einfach der Typ mit den Krallen, der jeden Gegner in Stücke schneidet. Hinter der Fassade des unverwundbaren Kämpfers steckt ein Mann, der sich nach Zugehörigkeit, Freundschaft und Frieden sehnt. Genau diese Widersprüche machen ihn seit Jahrzehnten zu einer der interessantesten Figuren des Marvel-Universums. In einer Geschichte kann er der kompromisslose Killer sein, in der nächsten der loyalste Freund und kurz darauf der Mann, der verzweifelt versucht, ein normales Leben zu führen.
Besonders schön ist, dass der Band nicht versucht, Wolverine auf eine einzige Interpretation festzulegen. Stattdessen wird deutlich, dass all diese unterschiedlichen Facetten zu Logan gehören. Der Soldat, der Ermittler, der Farmer, der Söldner, der Waffenbruder und der Berserker sind letztlich unterschiedliche Seiten derselben Figur. Selbst wenn sich die Geschichten tonal voneinander unterscheiden, bleibt Logan jederzeit erkennbar.
Auch die zeitliche Bandbreite trägt viel zum Unterhaltungswert bei. Von der Prohibition über die 1950er-Jahre und die 1970er bis hin zu späteren beziehungsweise futuristischen Szenarien wird ein großer Teil von Logans Lebensgeschichte abgedeckt. Dadurch fühlt sich der Band tatsächlich wie eine Reise durch verschiedene Kapitel seines langen Lebens an. Besonders passend ist dabei der Blick auf das „Ende aller Tage“, denn kaum eine Figur aus dem Marvel-Universum eignet sich besser für eine Geschichte über das Überleben hinaus als Wolverine.
Panini präsentiert diese Sammlung als großformatigen Hardcoverband, was dem Material ausgesprochen gut steht. Gerade die unterschiedlichen Zeichenstile profitieren von der größeren Präsentationsfläche. Details in den Zeichnungen kommen besser zur Geltung und auch die teilweise sehr kontrastreichen Schwarz-Weiß-Seiten wirken im Großformat deutlich eindrucksvoller. Der Hardcover-Einband vermittelt zudem den gewünschten hochwertigen Eindruck und macht den Band zu einer schönen Ergänzung für die Sammlung von Wolverine- und Marvel-Fans.
„Logan: Schwarz, Weiß & Blut“ richtet sich dabei sowohl an eingefleischte Wolverine-Fans als auch an Leser, die eine etwas härtere Seite des Marvel-Universums kennenlernen möchten. Vorkenntnisse über jede einzelne Station aus Logans jahrzehntelanger Vergangenheit sind nicht zwingend erforderlich. Natürlich können Kenner der Figur manche Anspielung und bestimmte Situationen noch stärker genießen, doch die einzelnen Geschichten funktionieren grundsätzlich auch als eigenständige Episoden.
Was den Band letztlich so unterhaltsam macht, ist seine Konsequenz. Hier muss Logan nicht zwanghaft der sympathische Superheld sein. Er darf wütend, brutal, zynisch, verletzt, einsam und manchmal auch überraschend menschlich sein. Genau dadurch entsteht ein authentisches Bild des Charakters. Die Geschichten zeigen Wolverine nicht als perfekte Heldenfigur, sondern als Überlebenden, der seit Jahrzehnten mit den Konsequenzen seines Lebens kämpft.
Fazit:
„Logan: Schwarz, Weiß & Blut“ ist ein ausgesprochen gelungener Wolverine-Band, der die Figur auf ihre härtesten, düstersten und zugleich menschlichsten Eigenschaften reduziert. Die unterschiedlichen Geschichten führen Logan durch zahlreiche Epochen und Situationen – von der Prohibition über seine Zeit beim Militär bis hin zu Madripoor, Waffe X, geheimen Missionen und einem Blick auf das Ende aller Tage. Die Mischung aus unterschiedlichen Autoren und internationalen Zeichnern sorgt für eine abwechslungsreiche Lektüre, während das Schwarz-Weiß-Konzept mit den markanten roten Blutelementen perfekt zu Wolverines kompromissloser Natur passt. Paninis großformatige Hardcover-Ausgabe unterstreicht zudem den hochwertigen Charakter der Sammlung. Wer Logan in seiner brutalsten und kompromisslosesten Form erleben möchte, bekommt hier reichlich Nachschub. Ein starker Marvel-Band für alle, die Wolverine nicht nur als Helden, sondern vor allem als Berserker, Überlebenskünstler und gebrochenen Krieger schätzen.