Der Ritt nach Alamo – Ein unterschätzter Western von Mario Bava auf Blu-ray
Mario Bava ist vor allem als einer der großen Wegbereiter des italienischen Horrorfilms bekannt. Mit Werken wie Die Stunde, wenn Dracula kommt, Blutige Seide und Lisa und der Teufel prägte er das europäische Genrekino nachhaltig. Doch der italienische Regisseur beschränkte sich keineswegs auf unheimliche Geschichten und blutige Schreckensmomente. Auch im Western hinterließ er seine Spuren. Mit Der Ritt nach Alamo, der bei Plaion Pictures auf Blu-ray erschienen ist, erwartet dich ein Abenteuer, das klassische Westernmotive mit Verrat, Überlebenskampf und moralischen Konflikten verbindet. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, die nach einem gescheiterten Banküberfall gezwungen sind, ihre Identität zu verbergen und sich einer Kavallerieeinheit anzuschließen. Was als Flucht vor den eigenen Verfolgern beginnt, entwickelt sich zu einem gefährlichen Marsch durch feindliches Gebiet, bei dem Loyalität und Gewissen auf eine harte Probe gestellt werden.
Die Geschichte beginnt mit Bud Massidy, der bereits alles verloren hat und sich aus einer ausweglosen Situation heraus einer Verbrecherbande anschließt. Gemeinsam planen die Männer einen Banküberfall, bei dem sie mithilfe eines ausgeklügelten Vorgehens 150.000 Dollar erbeuten wollen. Zunächst scheint der Plan Erfolg versprechend, doch schon bald gerät die Situation außer Kontrolle. Es kommt zu tödlichen Zwischenfällen, und Bud muss erkennen, dass er sich auf seine eigenen Komplizen nicht verlassen kann. Gemeinsam mit seinem jungen Begleiter Slim wird er von der Bande verraten und seinem Schicksal überlassen. Ohne ausreichende Vorräte und von der sengenden Hitze gezeichnet, kämpfen sich die beiden durch eine unwirtliche Landschaft. Als sie schließlich auf eine Kavallerieeinheit treffen, bietet sich ihnen eine unerwartete Möglichkeit, dem sicheren Tod zu entkommen.
Die Soldaten eskortieren einen Siedlertreck in Richtung Fort Alamo. Bud und Slim beschließen, sich als Angehörige der Kavallerie auszugeben und auf diese Weise Schutz zu suchen. Allerdings ist ihre Tarnung mit erheblichen Risiken verbunden. Sie müssen ihre Rollen überzeugend spielen, dürfen keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen und müssen gleichzeitig mit den Gefahren rechnen, die der Marsch durch feindliches Indianergebiet mit sich bringt. Je länger sie mit der Einheit unterwegs sind, desto schwieriger wird es, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ausgerechnet jene Menschen, die ihnen vorübergehend Sicherheit bieten, könnten ihnen zum Verhängnis werden, sobald ihre wahre Identität ans Licht kommt. Damit entwickelt sich der Western nicht allein zu einer Geschichte über Flucht und Verfolgung, sondern auch zu einem Drama über Schuld, Vertrauen und die Frage, wie weit ein Mensch gehen darf, um sein eigenes Leben zu retten.
In der Hauptrolle überzeugt Ken Clark als Bud Massidy. Der amerikanische Schauspieler gehörte zu jenen Darstellern, die im europäischen Genrekino der 1960er-Jahre eine interessante Karriere machten. Mit seiner markanten Erscheinung, seiner körperlichen Präsenz und einer unaufgeregten Ausstrahlung bringt Clark die passenden Voraussetzungen für einen Westernhelden mit, der sich in einer schwierigen Situation behaupten muss. Seine Darstellung passt gut zu einer Figur, die zwar auf der falschen Seite des Gesetzes steht, aber keineswegs ausschließlich als skrupelloser Verbrecher angelegt ist. Bud ist ein Mann, der durch seine Lebensumstände in eine Sackgasse geraten ist und nun versucht, irgendwie davonzukommen. Clark verleiht ihm eine gewisse Lässigkeit, ohne die Gefahren seiner Lage aus den Augen zu verlieren. Gerade diese Mischung aus Selbstbehauptung und Unsicherheit macht die Figur interessant.
Auch seine Zusammenarbeit mit dem jungen Slim ist für die Geschichte von Bedeutung. Während Bud bereits zahlreiche Rückschläge erlebt hat und seine Entscheidungen vor allem vom eigenen Überlebenswillen geprägt sind, steht Slim noch am Anfang seines Weges. Das Verhältnis zwischen den beiden Männern sorgt für zusätzliche Spannung, denn sie sind in der fremden Umgebung aufeinander angewiesen. Gleichzeitig müssen sie sich ständig fragen, ob sie einander tatsächlich vertrauen können. Die gemeinsame Flucht schweißt sie zusammen, doch die Bedrohungen des Marsches und die Gefahr, entdeckt zu werden, machen deutlich, wie dünn die Grenze zwischen Zusammenhalt und Selbstrettung sein kann.
Ken Clark war im italienischen Genrekino nicht nur in diesem Film zu sehen. Seine Zusammenarbeit mit Mario Bava setzte sich mit einem weiteren Western fort, wodurch diese vergleichsweise kurze Phase seiner Karriere eine besondere Bedeutung erhielt. Clark passte mit seinem amerikanischen Auftreten gut in die europäische Westernproduktion jener Zeit, die sich zunehmend von den klassischen Hollywoodvorbildern löste und eigene stilistische Wege einschlug. Während manche Vertreter des Genres vor allem auf staubige Schießereien und kompromisslose Antihelden setzten, boten Filme dieser Art auch Raum für Abenteuer, Spannung und klassische Motive wie Kameradschaft, Verrat und moralische Entscheidungen.
Besonders interessant ist die Beteiligung von Mario Bava, dessen filmischer Stil weit über das Horrorgenre hinausreicht. Der 1914 geborene Italiener begann seine Laufbahn in der Filmbranche zunächst als Kameramann und arbeitete sich über verschiedene Aufgabenbereiche zum Regisseur hoch. Seine Erfahrungen hinter der Kamera prägten sein außergewöhnliches Gespür für Bildkomposition, Licht und Schatten. Bava verstand es, mit vergleichsweise einfachen Mitteln eindrucksvolle visuelle Stimmungen zu erzeugen und seinen Filmen eine unverwechselbare Atmosphäre zu verleihen. Gerade im italienischen Horror- und Thrillerkino wurde diese Fähigkeit zu seinem Markenzeichen.
Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören Die Stunde, wenn Dracula kommt, Blutige Seide und Die drei Gesichter der Furcht. Mit Blutige Seide trug er wesentlich zur Entwicklung des italienischen Giallo bei, während er mit seinen Horrorfilmen eine Bildsprache etablierte, die zahlreiche spätere Filmemacher beeinflusste. Doch Bava war auch mit anderen Genres vertraut. Seine Western zeigen, dass er sich nicht ausschließlich auf fantastische oder schaurige Stoffe konzentrierte, sondern ebenso klassische Abenteuergeschichten inszenieren konnte. Dabei blieb sein Auge für visuelle Details erhalten, selbst wenn seine charakteristische Handschrift in diesem Genre weniger radikal hervortritt als in seinen berühmtesten Horrorwerken.
In Der Ritt nach Alamo setzt Bava auf eine klare Erzählstruktur und eine sorgfältig aufgebaute Spannung. Die Landschaft ist dabei weit mehr als eine bloße Kulisse. Die Hitze, die karge Umgebung und die Gefahren des Marsches vermitteln den körperlichen und psychischen Druck, unter dem die Figuren stehen. Während der Siedlertreck seinem Ziel entgegenzieht, wächst die Gefahr, dass Bud und Slim enttarnt werden oder in die Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Parteien geraten. Die Spannung entsteht dabei nicht ausschließlich aus direkten Konfrontationen, sondern ebenso aus der ständigen Unsicherheit, wie sich die Situation entwickeln wird. Die beiden Männer können sich nicht einfach auf ihre Fähigkeiten verlassen, sondern müssen ihre Umgebung aufmerksam beobachten und ihre Entscheidungen sorgfältig abwägen.
Auch die Bildgestaltung trägt zum Reiz des Films bei. Bava nutzt Licht und Landschaft, um die Atmosphäre der Geschichte zu unterstreichen. Die Weite des Geländes vermittelt einerseits das Gefühl von Freiheit, macht andererseits aber auch deutlich, wie schutzlos die Reisenden den Naturgewalten und möglichen Angreifern ausgeliefert sind. Die visuelle Gestaltung bleibt dabei angenehm zurückhaltend und unterstützt die Handlung, anstatt sich ständig in den Vordergrund zu drängen. Wer Bava vor allem mit den ausgeprägten Farbkompositionen und der stilisierten Inszenierung seiner Horrorfilme verbindet, entdeckt hier eine andere, deutlich klassischer ausgerichtete Seite des Regisseurs.
Inhaltlich setzt der Western auf vertraute Genrebausteine, verleiht ihnen durch die Ausgangssituation seiner Hauptfiguren jedoch eine zusätzliche Dimension. Bud und Slim sind keine makellosen Helden, die aus reiner Überzeugung für das Gute kämpfen. Sie haben sich durch ihre Beteiligung am Banküberfall selbst in Schwierigkeiten gebracht und müssen nun mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen umgehen. Gleichzeitig zwingt sie ihre Lage dazu, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die ihnen zunächst völlig fremd sind. Im Verlauf des Marsches stellt sich zunehmend die Frage, ob sie weiterhin ausschließlich an das eigene Überleben denken oder bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dadurch erhält die Geschichte eine moralische Ebene, die über die üblichen Verfolgungsjagden und Schießereien hinausgeht.
Natürlich sollte man bei Der Ritt nach Alamo keinen Western erwarten, der das Genre vollständig neu erfindet. Der Film orientiert sich an bekannten Motiven und entwickelt daraus ein klassisches Abenteuer, das vor allem durch seine Atmosphäre und die schwierige Situation seiner Hauptfiguren funktioniert. Gerade diese geradlinige Ausrichtung macht ihn jedoch zu einer interessanten Ergänzung für Freunde des europäischen Westernkinos. Statt auf eine möglichst übersteigerte Darstellung von Gewalt zu setzen, konzentriert sich die Geschichte auf den Überlebenskampf, das Misstrauen innerhalb der Gruppe und die stetig wachsende Gefahr, dass Buds und Slims Vergangenheit sie einholt.
Die Blu-ray-Veröffentlichung von Plaion Pictures bietet Gelegenheit, diesen weniger bekannten Film aus Mario Bavas umfangreicher Filmografie wiederzuentdecken. Zum Bonusmaterial gehören ein Audiokommentar, der Original-Kinotrailer und eine Bildergalerie. Vor allem der Audiokommentar ist für Filminteressierte ein willkommener Bestandteil, da er zusätzliche Einblicke in die Produktion und ihre Einordnung ermöglichen kann. Zusammen mit dem Trailer und der Bildergalerie ergibt sich eine sinnvolle Ergänzung für alle, die sich näher mit dem Film beschäftigen möchten.
Unterm Strich ist Der Ritt nach Alamo ein sehenswerter Western, der vor allem durch seine stimmungsvolle Inszenierung und die überzeugende Präsenz von Ken Clark punktet. Die Geschichte um zwei gescheiterte Bankräuber, die sich auf einem gefährlichen Marsch als Soldaten ausgeben müssen, bietet ausreichend Spannung und verbindet klassische Westernunterhaltung mit Fragen nach Vertrauen, Schuld und Verantwortung. Mario Bava zeigt sich dabei von einer anderen Seite als in seinen berühmten Horrorfilmen, ohne sein Gespür für Bildgestaltung und Atmosphäre zu verlieren. Auch wenn der Film nicht zu den ganz großen Meilensteinen des Genres zählt, besitzt er einen eigenen Charme und verdient es, aus dem Schatten bekannterer Produktionen hervorgeholt zu werden. Für Liebhaber des italienischen Genrefilms und des klassischen Westerns ist die Blu-ray von Plaion Pictures daher eine interessante Gelegenheit, einen oft unterschätzten Beitrag zum europäischen Kino der 1960er-Jahre kennenzulernen.