Lucky Luke hat im Laufe seiner langen Karriere schon so manches Abenteuer erlebt. Er hat Banditen zur Strecke gebracht, gefährliche Situationen gemeistert und sich immer wieder als Retter in der Not bewiesen. Doch nun droht ihm eine ganz neue Gefahr: Seine eigenen Fans wollen aus ihm eine religiöse Kultfigur machen! Mit „Heiliger Lucky“ erscheint bei Egmont Ehapa bereits der 103. Band der beliebten Comicreihe. Autor Jul und Zeichner Achdé schicken den berühmten Cowboy diesmal in ein ebenso turbulentes wie humorvolles Abenteuer, das sich auf gewohnt satirische Weise mit Glauben, Fanatismus und der Verehrung vermeintlicher Helden beschäftigt.
Eigentlich möchte Lucky Luke nur seiner gewohnten Arbeit nachgehen und für Ordnung im Wilden Westen sorgen. Als er eines Tages den Reverend eines kleinen Städtchens vor einer Bande gefährlicher Desperados rettet, ahnt er allerdings noch nicht, welche Folgen diese gute Tat haben wird. Der Geistliche ist von seinem Retter derart beeindruckt, dass er in Lucky Luke weit mehr als einen gewöhnlichen Cowboy sieht. Schließlich zieht dieser schneller als sein eigener Schatten, kann mit seinem Pferd Jolly Jumper sprechen und taucht immer dann auf, wenn Hilfe benötigt wird. Für den Reverend sind das eindeutige Zeichen einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Schnell kommt ihm eine Geschäftsidee, die sich als äußerst folgenreich erweisen soll: Er gründet kurzerhand eine eigene Religion und erhebt Lucky Luke zur zentralen Figur seines neuen Glaubens, dem Lukismus.
Was zunächst wie eine etwas schräge Idee wirkt, entwickelt sich überraschend schnell zu einer regelrechten Bewegung. Immer mehr Menschen schließen sich dem neuen Kult an und verehren den wortkargen Cowboy wie einen Heiligen. Der Reverend versteht es dabei geschickt, die Begeisterung der Menschen für seine Zwecke zu nutzen. Lucky Luke selbst ist von dieser Entwicklung alles andere als begeistert. Statt sich über die unerwartete Aufmerksamkeit zu freuen, möchte er möglichst schnell wieder verschwinden. Doch je größer die Anhängerschaft wird, desto schwieriger gestaltet sich die Flucht vor den selbst ernannten Gläubigen. Plötzlich ist der Mann, der sonst Banditen das Fürchten lehrt, mit einer völlig anderen Art von Herausforderung konfrontiert.
Jul nutzt diese ungewöhnliche Ausgangssituation, um eine humorvolle Geschichte über blinden Glauben, geschickte Manipulation und die Entstehung von Kultfiguren zu erzählen. Dabei wird deutlich, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, andere zu verehren, ohne deren tatsächliche Absichten oder Eigenschaften zu hinterfragen. Der Reverend ist dabei eine besonders interessante Figur, denn hinter seiner frommen Fassade verbirgt sich ein Mann, der durchaus eigene Interessen verfolgt. Die Idee, aus Lucky Lukes Fähigkeiten eine religiöse Bewegung zu machen, wird mit viel Augenzwinkern umgesetzt und bietet reichlich Gelegenheit für satirische Seitenhiebe. Natürlich nimmt sich die Geschichte dabei selbst nicht allzu ernst, schafft es aber dennoch, einige durchaus treffende Beobachtungen über menschliches Verhalten unterzubringen.
Achdé setzt die Geschichte zeichnerisch gewohnt stilsicher um und bleibt dem klassischen Erscheinungsbild der Reihe treu. Die Figuren sind ausdrucksstark gestaltet, die Bewegungen dynamisch und die zahlreichen komischen Situationen werden mit viel Liebe zum Detail eingefangen. Gerade Lucky Lukes zunehmend genervte Reaktionen auf seine neue Rolle als religiöse Kultfigur sorgen für einige amüsante Momente. Auch Jolly Jumper darf natürlich nicht fehlen und begleitet seinen Besitzer gewohnt schlagfertig durch das Chaos. Die vertraute Westernatmosphäre bleibt dabei jederzeit erhalten, während die ungewöhnliche religiöse Bewegung für eine willkommene Abwechslung innerhalb der Reihe sorgt.
Besonders gelungen ist die Kombination aus klassischem Westernabenteuer und gesellschaftlicher Satire. Lucky Luke wird hier nicht mit einer gewöhnlichen Bande von Schurken konfrontiert, sondern mit Menschen, die in ihm etwas sehen, das er selbst überhaupt nicht sein möchte. Während er normalerweise gegen Gesetzlose und zwielichtige Gestalten vorgeht, muss er diesmal versuchen, eine Bewegung zu stoppen, die ausgerechnet durch seine eigenen guten Taten entstanden ist. Daraus entwickelt sich eine Reihe herrlich absurder Situationen, die den typischen Humor der Comicreihe wunderbar ergänzen.
Natürlich richtet sich auch dieser Band wieder an langjährige Fans, die den besonderen Charme von Lucky Luke zu schätzen wissen. Gleichzeitig funktioniert die Geschichte aber auch für Leser, die nicht jeden vorherigen Band kennen. Die Grundidee ist schnell verständlich, die Figuren sind vertraut und der Humor funktioniert weitgehend unabhängig von der bisherigen Seriengeschichte. Gerade die satirische Ausrichtung macht „Heiliger Lucky“ zu einem etwas anderen Abenteuer, das sich angenehm von den üblichen Duellen mit Banditen und Gesetzlosen abhebt.
Fazit:
Mit „Lucky Luke 103: Heiliger Lucky“ liefern Jul und Achdé ein amüsantes und ungewöhnliches Abenteuer, das den berühmten Cowboy mit einer völlig neuen Herausforderung konfrontiert. Statt gegen Revolverhelden und Banditen anzutreten, muss er sich plötzlich gegen seine eigenen fanatischen Anhänger behaupten. Die satirische Geschichte über den Lukismus bietet zahlreiche humorvolle Situationen und nimmt menschliche Leichtgläubigkeit sowie religiösen Fanatismus augenzwinkernd aufs Korn. Achdés Zeichnungen passen hervorragend zum Geschehen und bewahren den vertrauten Charme der Reihe. Ein unterhaltsamer 103. Band, der mit einer originellen Idee frischen Wind in die Abenteuer des Mannes bringt, der schneller zieht als sein Schatten.